Angekettet, in einem Keller eines Ferienhauses vegetierend, suchte der Hamburger Autor und Sozialforscher Jan Philipp Reemtsma nach Gründen für sein Elend: "Warum ausgerechnet ich?" Einer der Entführer antwortete in gepflegtem Englisch: Reetmsma sei so etwas wie das ideale Opfer. Er verzichte auf Bodyguards, sein Grundstück sei leicht zugänglich und: Er habe sein Millionenvermögen geerbt.

Solche Leute trennten sich leichter von viel Geld.

Dreißig Millionen Mark Lösegeld mußte Reemtsmas Lebensgefährtin Ann Kathrin Scheerer den Männern zahlen, die ihren Mann am Abend des 25. März aus seinem Garten verschleppt hatten. Dreiunddreißig Tage und Nächte mußte er in der Zelle verbringen, weil zwei Lösegeldübergaben mißglückten. Die Polizei war zu offensichtlich präsent. Das Dilemma der Beamten: Schutz der Geisel oder Strafverfolgung?

Erst der dritte Übergabeversuch gelang - ohne Polizei. Regie führten zwei deutsche Mitarbeiter einer amerikanischen Wirtschaftsdetektei.

Am Abend des 26. April kam die Geisel frei. Die Hamburger Zeitungen druckten Sonderseiten. Die Medien waren Wochen vorher eingeweiht, alle hatten geschwiegen, im Interesse der Geisel. Die Polizei feierte die Freilassung Reemtsmas und lobte das Stillhalteabkommen mit den Medien, um sich später zu wundern, warum die Medien die Polizei nicht loben wollten.

Jetzt müssen Erfolge her. Die Soko Reemtsma hat im Frühsommer 200 Beamte. Zwei Männer, Wolfgang Koszics und Peter Richter, werden einen Monat nach Reemtsmas Freilassung in Spanien festgenommen und schnell nach Deutschland ausgeliefert. Bald wird klar: Die zwei, deren Prozeß am 9. Januar 1997 beginnen soll, sind nur Nebenfiguren.

Der Haupttäter, Thomas Drach aus Köln, bleibt unauffindbar, trotz weltweiter Fahndung und einer Million Mark Prämie. Auch das Lösegeld bleibt verschollen.