Wie gelähmt beobachten die Europäer den Protest der Opposition in Serbien. Zu lange dauert schon das Kräftemessen, zu hartleibig verweigert der serbische Präsident das Einlenken. Seit Heiligabend hat der Aufstand seinen ersten Märtyrer. In Belgrad trugen Tausende den Hochschullehrer Predrag Starcevic zu Grabe. Militante Anhänger des Regimes hatten ihn zu Tode geprügelt.

In der sechsten Woche des Massenprotestes gegen die Manipulation der Kommunalwahlen vom 17. November ist Slobodan Milosevic nervöser geworden - und brutaler. Er läßt schwerbewehrte Polizisten auf unbewaffnete Demonstranten einknüppeln. Und er stolpert von Torheit zu Torheit. Etwa mit dem Versuch, durch eine Kundgebung von Getreuen die Opposition in den Schatten zu stellen. Im Kosovo hatte Milosevic 1989 unter nationalistischem Banner noch eine Million Menschen zusammengebracht. Diesmal kamen, trotz geheizter Busse und Bordverpflegung, gerade noch 70 000 nach Belgrad. Ein dankbarer Milosevic beteuerte in Mielke-Pose: "Ich liebe euch!" Gegenüber den mehr als hunderttausend allerdings, die im ganzen Land täglich gegen den Präsidenten demonstrieren, war die befohlene Kundgebung nur eine Demonstration der Schwäche.

Bisher hat allerdings kein Fehler und kein Kräfteverfall Milosevic aus seinem Sessel gekippt. Der Machttaktiker hat für den Ernstfall vorgesorgt: Er hält heute mehr Milizionäre unter Waffen, als er Anhänger auf die Straße bringt. Seine Sozialistische Partei ist zwar gespalten doch jeder nur denkbare Brutus ist längst aus dem Weg geräumt. Die Opposition spürt, daß der Weg vom Unmut zum Umsturz weit ist. So stehen sich beide Seiten unversöhnlich gegenüber. Auf der Suche nach Verbündeten blicken Milosevic und seine Gegner auf das Ausland: Der Präsident setzt auf die Russen, die Opposition hofft auf den Westen.

Die OSZE hat vorgeführt, wie europäische Politiker in dieser Pattsituation handeln können. In ihrem Auftrag forderte Felipe González als Vermittler das serbische Regime auf, den Wahlsieg der Opposition vom 17. November anzuerkennen. Dagegen wirkt die Appeasementpolitik mancher europäischer Regierungen gegenüber dem Despoten in Belgrad kurzsichtig und kleinmütig: nur kein böses Wort. Im britischen Foreign Office scheint man der Polizeiknüppel-Stabilität a la Milosevic den Vorzug vor der unberechenbaren Freiheit zu geben.

Und der italienische Außenminister ermahnte nach erfolgreichen Wirtschaftsgesprächen mit Milosevic die Opposition, keine "unrealistischen" Forderungen zu stellen. Peinlich. Wofür stehen die Europäer eigentlich?

Vermodert ihre Menschenrechtskonvention von 1950 im Archiv?

Immerhin hat der amtierende Ratsvorsitzende der EU die serbische Regierung ermahnt, den überfälligen Dialog "nicht mit vorgehaltener Pistole" zu führen. Doch reichen solche Erklärungen noch aus?