Vor einem Dreivierteljahr ist die Gesprächsrunde von Bundesregierung, Wirtschaft und Gewerkschaften über Auswege aus der Beschäftigungsmisere an unüberbrückbaren Gegensätzen gescheitert, nun soll die Runde wiederbelebt werden. Der Kanzler ist dazu bereit, der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages, Hans Peter Stihl, hält sie für nützlich, der neue Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt steht - "wenn der Kanzler ruft" - zur Verfügung. Auch die Sozialdemokraten, die an der Kanzlerrunde nicht beteiligt waren, plädieren nach den Worten ihres Fraktionschefs Rudolf Scharping für eine "große Koalition der Vernunft" und befürworten gemeinsame Gespräche von Parteien und Sozialpartnern. Auch in den Gewerkschaften wächst die Bereitschaft, der IG-Metall-Vorsitzende Klaus Zwickel meint gar, das einst von ihm vorgeschlagene Bündnis für Arbeit sei "heute aktueller denn je".

Anlaß, wirksame Maßnahmen gegen die Arbeitslosigkeit zu ergreifen, gibt es in der Tat mehr als genug. Denn im Jahr 1997 wird es nach allen seriösen Prognosen nicht weniger, sondern mehr Erwerbslose geben. Bernhard Jagoda, Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, warnt bereits vor einem dramatischen Anstieg der Arbeitslosenzahl auf 4,5 Millionen für den Fall, daß es auch in den nächsten Monaten einen harten Winter gibt. Das wären immerhin über 200 000 Erwerbslose mehr als in der Spitze des abgelaufenen Jahres. Und die Furcht des Sozialdemokraten Scharping, daß die Gesellschaft die Massenarbeitslosigkeit "nicht mehr sehr lange" aushalten werde, ist sicher nicht unbegründet.

Doch sind die Gesprächsrunden im Kanzleramt wirklich der richtige Weg, Lösungen zu finden und durchzusetzen, um die Beschäftigungssituation zu verbessern? Was nützen verbale Kompromisse in Kommuniqués, deren gegensätzliche Auslegung später die Konfrontation nur verschärft?

Waren die Erfahrungen mit der Gesprächsserie vor einem Jahr nicht eher abschreckend, als sich alle Beteiligten auf Maßnahmen gegen den Krankenstand in den Unternehmen verständigten, dann aber Bundesregierung und Arbeitgeber mit ihren Plänen, die Lohnfortzahlung zu kürzen, den heftigen Widerstand der Gewerkschaften provozierten?

Daß gehandelt werden muß, steht außer Zweifel. Sicher ist es auch nie falsch, miteinander zu reden. Aber derartige institutionalisierte Gesprächsrunden bergen die Gefahr in sich, Zuständigkeiten zu verwischen. Damit wächst auch das Risiko, daß manch einer sich vor seiner Verantwortung drücken kann und das Notwendige unterläßt, weil es schmerzhaft ist.

Die Kompetenzen sind eindeutig verteilt. Die Politiker müssen für bessere Bedingungen sorgen, damit die Unternehmen hierzulande Arbeitsplätze schaffen: Sie müssen beispielsweise endlich eine echte Steuerreform verwirklichen und die Sozialabgaben senken und nicht - wie gerade zum Jahresbeginn - weiter erhöhen. Die Tarifparteien sind dazu aufgerufen, alle Möglichkeiten für mehr Beschäftigung und eine bessere Verteilung der Arbeit zu nutzen.

Beispiele sind flexiblere Arbeitszeiten, Teilzeitarbeit, Arbeitszeitverkürzungen, Abbau von Überstunden.