Kein Feuerwerk, keine Küsse, kein Champagner. Wer am letzten Dezembertag in Japans alter Kaiserstadt Kyoto lebt, räumt sein Haus auf, greift spätestens eine Stunde vor Mitternacht zu Schuh und Mantel, läuft durch feuchtkalte Straßen, tritt durch ein hohes rotes Tor und hört in einem der über tausend Tempel die Glocke läuten. Kyotos Neujahrsglocken klingen nicht wie die jüngeren Schwestern des christlichen Abendlandes, sondern hallen schwer, tief und dunkel und mit genau 108 Glockenschlägen durch jene halbe Stunde, die sich das alte und das neue Jahr zur Hälfte teilen.

"Im Ton der alten buddhistischen Tempelglocken, in ihrem lange nachschwingenden Ton ist das Fließen der Zeit, ist der Hauch des alten Japan zu spüren", schrieb 1961 der Dichter Kawabata. "Solange der Ton der Glocke so dunkel durch die Nacht hallt, denken die Menschen an ihre Laster und Lasten, an die Leiden und Leidenschaften des vergangenen Jahres", erklärt mein Freund Ishida heute. In Japan, sagt er, gebe es genau 108 Lasten und Leidenschaften, in Thailand oder China noch viel mehr, und wie viele es in Europa gibt, wissen weder er noch die Mönche und Äbte der Tempel und Klöster.

Zu den japanischen gehören so weltweit bekannte wie Habgier und Geiz, Ehrsucht, Selbstsucht und Eifersucht. Wenn der letzte Schlag verklungen ist, sagt Ishida San, beginnt das Fest: Entlastet marschieren wir durch den Tempelhof zum Brunnen, um Mund und Hände zu waschen, zum Feuer, um uns zu wärmen, und dann zu den Buden und Winkeln, wo Tempeljungfrauen in weißen Gewändern das Glück verkaufen.

Das Glück gibt es in allen Preislagen, für fast alle Lebenslagen, frisch, knusprig und neu fürs neue Jahr. "In Japan ist eben alles käuflich", hört die verwunderte Besucherin, und ob das gekaufte Glück auch bei zugereisten gaijin wirke, wisse nur, wer zugreift und zahlt.

Im Shimogamo-Schrein gibt es gefiederte Pfeile, die weit fliegen, in einem glücklichen Feld landen oder sogar neue Horizonte aufschließen können. Der Heian-Tempel bietet Amulette in seidenen Beutelchen, die Glück im Verkehr, Gesundheit für Kranke und Erfolg für Studierende versprechen. Der kleine Ginushi-Schrein verkauft das Zauberglück der Liebe, und im Inari-Tempel von Fushimi gibt es gebratene Spatzen.

"In Fushimi-Inari", sagt Ishida San, "wird nämlich der Fuchs vergöttert."

An den Neujahrsfeiertagen pilgern die Geschäftsmänner der ganzen Region nach Fushimi: "Der Fuchs ist listig, gerissen und schlau", sagt Ishida, "und darum natürlich der Patron der Kaufleute. Und weil der Fuchs die Vögelchen so gern mag, werden ihm die flatternden Tiere des Reisfelds geopfert."