Seine erste Sternstunde im Regenwald erlebt Jozef Somogy bei Vollmond.

Unter seiner Gondel liegt das dunkle Meer der Baumkronen. Am Horizont zeichnen sich die Umrisse des 2400 Meter hohen Cerro Duida ab.

Doch Somogy ist nicht der schönen Aussicht wegen hier. Er will das Geheimnis der Cariocar ergründen. Der Baum gilt selbst unter den exotischen Pflanzen Lateinamerikas als Exot. Er öffnet seine Blüten erst im Dunkeln und nur für eine einzige Nacht. Der Botaniker richtet einen Scheinwerfer auf die Krone, in der Tausende von weißen Blüten mit roten Pinselfäden sichtbar werden. Da kommen auch schon die Schwärmer, erst vereinzelt, dann immer mehr. Groß wie Kolibris, taumeln sie mit roten Augen durch die Luft, stürzen sich auf die Blüten und tauchen ihren langen Rüssel hinein. Was für ein Schauspiel bietet die Bestäubung einer Cariocar! Somogy gehört zu den ersten, die es sehen.

Nicht nur oben im grünen Dach des Waldes schwirrt und krabbelt es, sondern auch am Boden in der Forschungsstation Humboldt im Süden von Venezuela. Dort lebt der 27jährige Jozef Somogy mit Wissenschaftlern aus verschiedenen Nationen in einer kleinen Siedlung aus palmstrohgedeckten Häusern. Nachts dringen Fledermäuse durchs Dach ein, in den unteren Regionen der Zimmer toben kleine südamerikanische Ratten. Die Frechsten, sagt Somogy, hüpfen bisweilen zu ihm in die Hängematte. Im Gebälk hausen Termiten, in die Dusche verirren sich Frösche, Kröten und Spinnen. Bloß die Giftschlangen haben angeblich noch nicht den Weg ins Haus gefunden.

Die Forschungsstation Humboldt liegt in der Nähe der Indianersiedlung La Esmeralda am Ufer des Orinoco, mehr als 500 Kilometer von der nächsten Stadt entfernt. Das Dorf ist nur nach zweitägiger Flußfahrt oder in stundenlangem Flug über den Regenwald zu erreichen. Hier, am Ende der Welt, ist Somogy am Ziel seiner Wünsche. Tagsüber tuckert er mit einem kleinen Boot in sein Arbeitsgebiet an der Mündung des Surumoni. Abends fachsimpelt er bei Tapirfleisch und Palmensaft über Orchideenarten oder bastelt an einem Trockenschrank für Pflanzenproben.

Somogys Begeisterung wurde geweckt, als er vor Jahren einen Fernsehfilm über den Leipziger Tropenforscher Wilfried Morawetz sah. Der junge Mann aus Bratislava knüpfte sofort Kontakt zu dem Botanikprofessor und ließ nicht mehr locker. Jetzt forscht Somogy tatsächlich selbst in den Tropen - vorerst gegen Spesen und ein Taschengeld.

Dafür hat er sogar eine feste Stelle ausgeschlagen.