Wer zum Jahreswechsel ins Philosophieren über Sein und Zeit kommt und sich dazu Rat in der modernen Physik holen möchte, dem sei ein Buch von Henning Genz ans Herz gelegt ("Wie die Zeit in die Welt kam", Hanser 1996 344 S., 47 Abb., 54 Mark). Vor zwei Jahren hat der Karlsruher Professor für Theoretische Teilchenphysik ein Buch über den leeren Raum, das "Nichts", vorgelegt. Nun gilt sein Interesse der physikalischen Kenntnis der Zeit.

Sorgfältig und klar entfaltet er das Problem der Zeit in der Mechanik Newtons und den Relativitätstheorien Einsteins, in Thermodynamik, Quantenmechanik und Kosmologie. Ohne Mathematik, mit wenigen, auf das Nötigste beschränkten Abbildungen gelingt dem Autor, was er selbst von einem Sachbuch fordert: "die Verbreitung der Einsicht, daß die Welt verstanden werden kann". Trivial ist die Welt jedoch nicht, und auch bei Genz wird Quantengravitation nicht zur Bettlektüre.

Gewiß: Stephen Hawkings Bestseller ist pointierter, witziger.

Henning Genz ist sehr viel vorsichtiger: Seine lange Geschichte der Zeit gerät dadurch ausgewogener als Hawkings Werk. Dennoch wird es aufregend, wo Genz - ganz unaufgeregt - vom Status der Naturgesetze, vom anthropischen Prinzip, von Reduktionismus und Emergenz spricht. Man wünschte sich, er hätte einigen dieser Passagen noch mehr Raum gewidmet. Gibt es überhaupt Naturgesetze?

Ist am Ende auch das "uns so ehern erscheinende Gesetz von der Richtung der Zeit" an unsere kontingente Stellung in der Welt hier und jetzt gebunden, ein Spezialfall also, keine Notwendigkeit?

Genz kommt zu dem sokratischen Schluß, daß wir die Antwort nicht wissen er schreibt über Physik und kennt ihre Grenzen.