Verblaßte Mythen, wohin man blickt. Unermüdlich reiht sie die Süddeutsche Zeitung seit geraumer Zeit auf die Perlenschnur. Das Berliner Ensemble, Solidarität, die SPD, der Grappa, Pressestadt Hamburg oder der Latin Lover, dem verständlicherweise Gabriele Henkel eine Träne nachweint. Alles passé.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hingegen blickt neugierig auf den "ultimativen Mythos", der alle anderen zerstöre: Revisionismus ist sein Name. Die FAZ nennt ihn die "Haltung des Jahres".

Darf's ein bißchen optimistischer sein? Ein Mythos gewinnt heute erst richtig Gestalt: der Generalist. Das Licht der Welt erblickte er in den siebziger Jahren. Ein großes Wort, bald negativ besetzt.

Es begann eine Leidensgeschichte. Ein langer Marsch durch steinige Täler, nie über Höhen. Heute sieht das ganz anders aus. Der Generalist ist in.

Er denkt zusammen, was zusammengehört. Universitäten fahnden nach ihm, und Max-Planck-Institute. Zeitungen möchten ihn zu Wort kom- men lassen, finden ihn aber kaum. Mediziner und Naturwissenschaftler üben, wieder "ganzheitlich" zu denken. Überall schlägt die Stunde der Interdisziplinären, auch in der Politik.

Tod eines Generalisten: Damit begann das Jahr 1996. François Mitterrand, der Anfang Januar starb, hätte am liebsten allem ein architektonisches Denkmal gesetzt, der Kunst, der Wissenschaft, der Archäologie, Deutschland und seinem deutschen Freund. Und dem, der das alles zusammendachte, also sich.

Mitterrand illustriert am besten das Charakterbild dieses Typus.