Einen neuen Rekord kann Bundesfinanzminister Theo Waigel vermelden.

Weder er selbst noch einer seiner Amtsvorgänger haben jemals so viele Schulden in einem Jahr gemacht wie der christsoziale Kassenchef im Jahr 1996. Ohne einen vom Parlament gebilligten Nachtragsetat hat der "Herr der Löcher", wie sozialdemokratische Oppositionspolitiker ihn verspotten, die im Haushaltsgesetz festgelegte Nettokreditaufnahme von 60,1 Milliarden Mark weit überschritten.

Die horrende Schuldenmacherei war absehbar, denn selbst altgediente Haushaltsfachleute im Bonner Parlament können sich nicht daran erinnern, daß ein Bundesetat jemals so schlampig zusammengeschustert wurde wie der 96er-Haushalt. Als schon im Oktober 1995 während der Schlußberatungen im Haushaltsausschuß des Bundestags eine Deckungslücke von zwanzig Milliarden Mark offenkundig geworden war, hatte der Finanzminister ein schlichtes Zweiseitenpapier mit Maßnahmen präsentiert, mit denen das Loch gestopft werden sollte. Größter Einzelposten der Vorlage, die als "Waigel-Wisch" in die Parlamentsprotokolle einging: ein Privatisierungserlös von neun Milliarden Mark - eine reine Luftbuchung, wie sich später herausstellte.

Schon Anfang Februar mußte Waigel eine Lücke von zehn Milliarden Mark eingestehen - die Steuern flossen spärlicher, weil das Wirtschaftswachstum ausblieb, und die Bundesanstalt für Arbeit brauchte wegen der zunehmenden Erwerbslosigkeit mehr Geld. Aber erst Mitte November räumte Waigel ein, daß die Neuverschuldung nicht auf 60 Milliarden zu begrenzen sei, sondern statt dessen auf mindestens 73 Milliarden steigen werde. An der katastrophalen Bilanz ändert auch nichts mehr der letzte Versuch Waigels, die Zahlen zu schönen: Kurz vor Jahresschluß "privatisierte" er die Lufthansa-Aktien des Bundes - durch Verkauf an die staatseigene Kreditanstalt für Wiederaufbau.