Das Jahr 1996 könnte Topmanagern deutscher Aktiengesellschaften einmal als "goldenes" Jahr in angenehmer Erinnerung bleiben. Mitten in einer Zeit massiven Personalabbaus und steigender Arbeitslosigkeit machten zwei Nobelhäuser hierzulande ein Instrument zur Einkommensmaximierung salonfähig, das noch vor wenigen Jahren als Ausgeburt amerikanischen Yankee-Kapitalismus galt: sogenannte stock options oder - zu deutsch - Aktienoptionen. Auf ihren Hauptversammlungen ließen sich Daimler-Benz, der größte Industriekonzern der Republik, und die Deutsche Bank, die Nummer eins im deutschen Kreditgewerbe, dieses Instrument zur Motivation ihrer ersten und zweiten Führungsgarnitur von ihren Aktionären absegnen. Die Sache funktioniert so: Die Berechtigten können Wandelanleihen ihres Unternehmens zu einem Stichtagskurs kaufen und diese in Aktien tauschen, wenn der Börsenkurs um einen festgesetzten Mindestsatz gestiegen ist. Da sie ihre Aktien sofort wieder verkaufen können, streichen sie - nach Ablauf der sechsmonatigen Spekulationsfrist - einen steuerfreien Veräußerungsgewinn ein.

Der neue Weg, Spitzenmanager zusätzlich zu ihren Festbezügen und Erfolgstantiemen mit Aktienoptionen für Höchstleistungen zu belohnen, entspringt dem aus den USA importierten shareholder value-Denken. Danach ist es erste Managerpflicht, den am Börsenkurs ablesbaren Unternehmenswert zu steigern - was am besten funktioniere, wenn die Managerinteressen mit denen der Shareholder gleichgeschaltet sind.

Nach dem Vorpreschen von Daimler-Chef Jürgen Schrempp, einem glühenden Anhänger der amerikanischen Motivationspraxis, und seinem Bankkollegen Hilmar Kopper ist zu erwarten, daß andere Großunternehmen schon bald nachziehen werden. Daß sie sich zur Zeit noch zurückhalten, hat mehrere Gründe. Zum einen hat der Würzburger Hauptversammlungsopponent Ekkehart Wenger gegen die Pläne der Deutschen Bank Anfechtungsklage eingereicht. Der streitbare Professor wirft den Bankmanagern "Selbstbedienung größten Ausmaßes" vor. Der Vorstand, so Wenger, habe sich von der für die Regelung von Vorstandsvergütungen gar nicht zuständigen Hauptversammlung (dies sei Sache des Aufsichtsrates) die Genehmigung erteilen lassen, über Geschenke an sich selber zu befinden. Die Deutsche Bank hat ihr Projekt vorerst auf Eis gelegt, bis das Frankfurter Landgericht am 10. Februar entschieden hat.

Daß manche Vorstände noch zögern, hängt zum anderen mit der nach deutschem Recht erschwerten Ausgabe eigener Aktien an verdiente Führungskräfte zusammen. Während in den USA Unternehmen eigene Aktien kaufen können, ist ihnen dieser Weg hierzulande noch verbaut.

Erwerben dürfen sie die Papiere nach Paragraph 71 Aktiengesetz nur zur Ausgabe von Belegschaftsaktien an Mitarbeiter unterhalb der Vorstandsebene. Außerdem müssen die Aktien innerhalb eines Jahres an die Berechtigten weitergegeben werden. Stock-Options-Pläne sollen jedoch gerade langfristig angelegt sein, um Manager nicht zu hektischer "Kurspflege" zu verleiten. Eine im Bonner Justizministerium vorbereitete Novelle zum Aktiengesetz soll denn auch schon bald die Ausgabe von Aktienoptionen durch eine weitere Lockerung des generellen Kaufverbots für eigene Aktien erleichtern.

Der Düsseldorfer Chemie- und Waschmittelkonzern Henkel hat schon jetzt ein Modell kreiert, das die rechtlichen Klippen geschickt umschifft. Die in den Genuß des executive stock incentive plan kommenden weltweit 180 Führungskräfte erhalten keine Aktien, sondern Geld. Wie reichlich ihre Belohnung ausfällt, richtet sich nach der Entwicklung des Börsenkurses im Laufe von jeweils drei Jahren.

Dabei kommt es jedoch nicht darauf an, wie stark die Henkel-Notierung gestiegen ist, sondern um wieviel mehr als der deutsche Aktienindex Dax. Maximal winkt den Henkel-Managern erstmalig im Jahre 2000 ein "Sahnehäubchen" (Personalvorstand Roland Schulz) von maximal fünfzehn Prozent zu ihren Festbezügen.