In Straßburg soll die erste Fakultät für muslimische Theologie entstehen. Noch hat zwar der zuständige Minister in Paris sein D'accord nicht gegeben, doch ist das Projekt schon jetzt alle Beachtung wert. An der Université des sciences humaines würde künftig dem Koran derselbe Rang eingeräumt wie der Bibel, würden sich in den Hörsälen die Studenten der protestantischen, katholischen und muslimischen Theologie die Klinke in die Hand geben.

"Ecrasez l'infâme" forderte einst Voltaire: Und jetzt soll nach dem christlichen Glauben, den der Philosoph zermalmt sehen wollte, im Lande der Lumières plötzlich ein neuer Glauben an den Universitäten Heimrecht genießen? Nun, Voltaire hätte vermutlich an diesem Vorhaben seine helle Freude gehabt, wird doch hier ein Stück Aufklärung nachgeholt. Längst zählen die Muslime in Westeuropa nach Millionen.

In ihre Kultur führen gemeinhin entweder die ehrwürdigen orientalistischen Seminare der Universitäten ein - oder die frisch entstandenen Koranschulen für die Gläubigen. An der Universität herrscht der hohe, oft allzu hohe Ton der Theorie, er wird nicht selten weitab von den politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen der Gegenwart gepflegt. Und in den Koranschulen finden sich neben viel Rechtschaffenheit leider auch Indoktrination, Verknöcherung, gelegentlich Verschwörung.

Dem Islam in Europa droht daher die doppelte Kasernierung. Übrig bleibt dann nur die Wahl zwischen der reinen Wissenschaft und der reinen Lehre, überspitzt: zwischen dem Philologen und dem Pharisäer.

Die Straßburger Universität will dieser fatalen Tendenz entgegenarbeiten - durch Wissenschaft und nicht durch Glaubenslehre. Denn Imame sollen an der geplanten Fakultät ausdrücklich nicht ausgebildet werden, wohl aber Gelehrte des muslimischen Glaubens, nach zwei bis vier Hochschuljahren diplomiert in koranischem Recht, in Geschichte, Philosophie oder Soziologie der muslimischen Welt. Wer danach sich zum Imam ausbilden lassen möchte, wird sich an die nächste Moschee wenden müssen und damit genau wie die künftigen Pfarrer und Pastoren nicht an der Hochschule, sondern erst in seiner Glaubensgemeinschaft die Weihen empfangen.

In Straßburg macht niemand einen Hehl daraus, daß mit diesem ehrgeizigen Projekt auch gesellschaftliche Ziele verfolgt werden. Auch in Frankreich geht die Angst vor einer Fünften Kolonne im Schatten der französischen Moscheen um, gedrillt im Auftrag von strenggläubig auftretenden Golfstaaten oder von islamistischen Radikalen, was mitunter freilich dasselbe ist. Wer hier der Vernunft eine Gasse bahnen will, wird sich mit den Vernünftigen verbünden müssen.

Europa lebt bereits mit seinem Islam, ob es das nun wahrhaben will oder nicht. Straßburg, auf seine europäische Schlüsselstellung stolz, will nun zeigen, wie Europa diese Weltreligion nach eigenen universitären und universellen Maßstäben eingemeinden kann. Auch auf der anderen Seite des Rheins, in Pforzheim etwa oder in Mannheim, finden sich längst die Moscheen. Doch an eine muslimische Fakultät hat dort noch niemand zu denken gewagt. Voltaire war eben Franzose.