Wollte man die Werke der österreichischen Illustratorin Lisbeth Zwerger mit einer benachbarten Kunstgattung vergleichen, so würde sich die prächtigst ausgestattete Oper anbieten, aufwendige Kostümierung, phantastisches Szenario und merkwürdig bemerkenswerte Figurinen inbegriffen.

Dabei fängt alles ganz naturalistisch an: Kühe und ein Farmhaus wirbeln durch die Lüfte, Menschen fliegen hinterdrein. Aha, denken vorschnell novitätensüchtige Filmfans, "Twister" mit den Möglichkeiten der grazilen Zeichnung und des duftigen Aquarells. Total daneben!

Denn die anschließend auftretende sehr lebendige Vogelscheuche, ein schnell rostender Blechmann, nebst fliegendem Löwen, Riesenblumen und ein ganz normales Mädchen machen es unübersehbar: "Der Zauberer von Oz". Autor: Frank Baum.

Das Buch erschien 1900. Sein Autor hatte ein literar-pädagogisches Konzept: Horror- und moralfreie Räume gegenüber den Grimmschen Märchentraditionen schaffen "neue (amerikanische) Wundergeschichten".

Der Versuch gelang. Der Titel wurde zum Renner und erreichte in Fortsetzungen, Bearbeitungen und Metamorphosen alle nur erdenklichen Medien wie Film, Fernsehserie, Musical, Kindertheater und Comicstrip, Hörspiele, Schallplatten und CDs.

Wirkliches und Irreales, Traum und Wachsein stoßen bei Baum übergangslos aneinander, und die versierte Illustratorin - mit allen erdenklichen nationalen und internationalen Preisen überschüttet - hat den Ball aufgefangen, den ihr der Text zuwarf. Lisbeth Zwerger ist längst zur künstlerisch anspruchsvollsten Instanz geraten. Ihre Bücher, hervorragend gedruckt, mit erlesener Typographie versehen, sind allemal gewonnene Schlachten für das gefahrenumwölkte Reich der Gutenberg-Galaxis.

In den filigranen Zeichnungen, mit zarter Koloristik komplettiert, ist viel Eigenständiges inszeniert. Arien an der Rampe, Chor im Hintergrund, weitere Auftritte von guten und bösen Kräften. Bilder als schmückende Beigabe zu vorliegendem Text? Nichts da! Vielmehr eigenständig interpretierende Vertiefung der Handlungen und Aktionen.