Was die Weltwirtschaft angeht, so ist sie verflochten . . . Wenn die Unternehmer alles Geld im Ausland untergebracht haben, nennt man das Ernst der Lage . . . Zusammenfassend kann gesagt werden: Die Nationalökonomie ist die Metaphysik des Pokerspiels" (Peter Panter). An Kurt Tucholskys "Kurzen Abriß der Nationalökonomie", geschrieben 1931, erinnert Rolf Dietrich Schwartz' "Kapitalismus ohne Netz". Es ist zwar keine Satire, aber eine abgewogene, wissenschaftliche Veröffentlichung über die Wirtschaftspolitik der Ära Kohl ist dieses Buch gewiß auch nicht.

Wer mit gelehrter Analyse rechnet, mit Zahlenkolonnen, mit der sauberen Ableitung von Thesen und Argumentationen, mit dialektischer Auseinandersetzung und vorsichtiger Aussage, wer, mit anderen Worten, Wissenschaft oder wenigstens ihre publizistischen Rituale erwartet, wird enttäuscht. Denn der Autor, Rolf Dietrich Schwartz, hat "die Schnauze von Ritualen gestrichen voll", und dieses Gefühl springt uns in jeder Zeile seiner Streitschrift an. Er hat genug von den Ritualen der Politik in ihren Pressekonferenzen, ihren gebetsmühlenartig wiederholten Verzichtsaufrufen, dem Gestus des vermeintlich objektiven Sachverstandes, der es immer wieder vermag, die Glaubenslehre Volkswirtschaft als Quasinaturwissenschaft zu verkaufen.

Der Autor weiß, wovon er spricht. Der gelernte Volkswirt ist bereits seit über zwanzig Jahren für die Frankfurter Rundschau als Bonner Parlamentskorrespondent tätig. Aus seiner Parteinahme für diesen Sozialstaat und gegen sozial zweifelhafte Umverteilungen macht er weder in seinen Zeitungskommentaren noch in diesem Buch einen Hehl. Ganz im Gegenteil: Schwartz schimpft und beschimpft, flicht seine Argumente gegen herrschende Wirtschaftslehre und herrschende Politik ein in Polemiken bis zur Grobschlächtigkeit. Er verzichtet auf Tiefgang, wo es doch ohnehin nur um Standpunkte gehen kann, er verkneift sich das Herunterleiern von Fakten, wo die Alltagserfahrung Fakt genug ist. Wo es ausreicht, beläßt er es bei der schlichten Feststellung, daß der "Kaiser doch überhaupt keine Kleider anhat".

"Kapitalismus ohne Netz" ist keine Auseinandersetzung, es ist eine Abrechnung mit Wirtschaftsideologien, die letztlich auf den vielzitierten "Kapitalismus pur" hinauslaufen. Abgerechnet wird mit einer Klagelitanei über den Wirtschaftsstandort, die Schwartz über die Brüningsche Sparpolitik bis zur Kaiserzeit zurückverfolgt.

Es ist eine subjektive, deutlich von Ärger und Empörung getragene Streitschrift gegen unverfrorene Interessenpolitik, gegen Irrationalitäten und gesellschaftspolitische Kurzsichtigkeit. Dazu führt Schwartz auf den hundert Seiten eine ganze Reihe von Zeugen auf, vom Alternativökonomen Rudolf Hickel über den unbequemen SPD-Politiker Dietrich Sperling, den Verfassungsrechtler Zeidler bis hin zum Schweizer Ökonomen Christof Binswanger.

In Aussage und Stil provoziert die Schrift und will wohl auch provozieren. So wird man dieses Buch auch nicht ohne Emotionen lesen können, wird sich in jedem Fall empören, sei es über die von Schwartz angeprangerte Wirtschaftspolitik oder sei es über Schwartz. Nur Tucholsky dürfte dazu lächeln, hat er es doch schon immer gewußt: "Nationalökonomie ist, wenn die Leute sich wundern, warum sie kein Geld haben."