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Gleich hinter dem israelischen Checkpoint zwischen Jerusalem und Ramallah hat sich eine neue palästinensische Institution etabliert.

Kaum jemand hat bis jetzt von ihr Notiz genommen, doch könnte sie eines Tages über den Frieden im Nahen Osten entscheiden, denn sie hat mit dem strategisch wichtigsten Produkt der Region zu tun: Wasser.

Hier im Westjordanland und im Gazastreifen unterhält die Palästinensische Wasserbehörde (PWA) je eine Filiale. Über dem Schreibtisch des Chefs, Nabil El Sharif, hängt ein Plakat aus Oslo - dort wurde einst der Nahostfriede ausgehandelt, heute helfen die Norweger beim Aufbau der Wasserbehörde.

Weniger entgegenkommend sind die Israelis. Deren Militärgouverneur, "die einzige für alle Wasserresourcen - inklusive Regenwasser - zuständige Person", hat die wichtigsten Befugnisse behalten.

Weil der Streit um die Wasserrechte erst bei den Verhandlungen über einen endgültigen Status der Palästinensergebiete ausgetragen werden soll, beschränkt sich die Befugnis der Wasserbehörde aufs Management. Im Artikel 40 des Osloer Abkommens II, das Nabil El Sharif immer griffbereit hat, wird den Palästinensern außerdem ein größerer Anteil als bisher an den vorhandenen Grundwasserressourcen zugestanden - insgesamt achtzig Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr. Damit gilt es hauszuhalten.

Vor künftigem Wassermangel haben sowohl Palästinenser als auch Israelis Angst. Etwa die Hälfte des israelischen Trinkwassers kommt aus dem Westjordanland. Eine konfliktträchtige Situation, denn die Israelis verbrauchen viel mehr Wasser als ihre palästinensischen Nachbarn. Besonders hoch ist der Verbrauch bei jüdischen Siedlern, die pro Kopf rund 330 Liter am Tag zapfen, während den Palästinensern in manchen Dörfern nur ein Zehntel bleibt.

Allerdings verschwenden auch die Palästinenser Wasser. Auf fünfzig Prozent beziffert Nabil El Sharif die Verluste in Hebron, Jenin und im Gazastreifen - verursacht vor allem durch lasche Handhabung, veraltete Infrastruktur, schlechtes Management. Viele ausländische Geldgeber haben sich inzwischen bei der Kanalisation, dem Bau von Kläranlagen, bei der Reparatur von Wasserleitungen und der Wasseraufbereitung beteiligt. Die Hilfe für den Wassersektor sei sogar derart populär, sagt El Sharif, daß sich Projekte schon einmal überschnitten hätten.

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Doch das Problem liegt auch in der Bevölkerung. "Die Menschen müssen erkennen, daß sauberes Wasser seinen Wert hat und die geregelte Entsorgung der Abwässer ihren Preis", sagt Ernst Döring, der als Wasserexperte der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) seit eineinhalb Jahren den Palästinensern hilft. Anders gesagt: Wasser darf nicht länger als Geschenk Gottes angesehen werden.

"Es wird produziert, aufbereitet und verkauft", sagt Döring. Notfalls müßten höhere Preise Sparsamkeit erzwingen. Die unter israelischer Besatzung gewachsene Widerstandsmentalität hat bei vielen Palästinensern dazu geführt, daß Wasser als Allgemeingut vernachlässigt und Rechnungen nicht bezahlt wurden. Während der Intifada hatte man andere Sorgen, als kaputte Rohre zu reparieren.

Nun muß alles neu aufgebaut werden. Den Palästinensern böte sich dabei die einmalige Chance, sagt Döring, "Abkürzungen zu nehmen und eine dezentralisierte Struktur aufzubauen". Dabei gerieten allerdings immer wieder die Vorstellungen der basisdemokratisch orientierten Palästinenser aus dem Westjordanland und dem Gazastreifen in Konflikt mit denen der "Tunisfraktion", die nach langen Jahren im Exil mit PLO-Chef Jassir Arafat an der Spitze zurückgekommen ist. Und Arafat ist Vorsitzender des ebenfalls neu gegründeten Nationalen Wasserrats, der über der Wasserbehörde steht.

Dennoch will die Wasserbehörde klar zwischen hoheitlichen Aufgaben und Wassermanagement unterscheiden. Fünf regionale Versorgungsbetriebe sollen die Wasserversorgung und Abwasserentsorgung übernehmen - und zwar kommerziell und kostendeckend.

Ein Modell dafür gibt es bereits. Das Jerusalem Water Untertaking in Ramallah funktioniert als unabhängiger regionaler Wasserverband schon seit 1966 - das war noch vor der israelischen Besatzung - und versorgt heute 250 000 Menschen. Stolz verweist Direktor Abdelkarim Asa'd auf den legalen Status seines Vorzeigeprojekts, das auf Drängen der Weltbank noch von der jordanischen Regierung gegründet worden war. Der gemeinnützige Betrieb "konnte auch während der Besatzung seine Arbeit weitgehend unbehelligt fortführen".

Immerhin waren die Wasserverluste geringer als anderswo, und die Rechnungen wurden regelmäßig bezahlt.

Abdelkarim Asa'd gilt als Vordenker in Sachen Restrukturierung.

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Für Arafat hatte er schon Studien verfaßt, als der noch in Tunis lebte: Im Frühjahr 1994 saß er bei den multilateralen Wasserverhandlungen im Golfstaat Oman dabei damals unterstützten alle Teilnehmer den Aufbau der palästinensischen Wasserbehörde. Vertreter aus mehr als vierzig Ländern hatten sich zu Gesprächen über die Aufteilung der Wasservorräte im Nahen Osten getroffen, auch Israel durfte erstmals als Gast in den Golfstaaten offiziell dabeisein. Allen Betroffenen ist längst bewußt: Sollen künftige Kriege ums Wasser vermieden werden, braucht man heute Lösungen.

Zunächst will Abdelkarim Asa'd die Abhängigkeit von der israelischen Wassergesellschaft Mekorot weiter verringern, die Brunnen in den palästinensischen Gebieten betreibt. Dank eines zusätzlichen Brunnens habe man zuletzt nur noch 55 statt früher 70 Prozent des Wassers von Israel kaufen müssen.

Trotzdem wird Wasser in Israel und den Palästinensergebieten noch knapper werden. Israel wird weiterhin jüdische Einwanderer aufnehmen, und es werden - je nach der politischen Lage - auch viele Palästinenser aus dem Exil in die Autonomiegebiete zurückkehren. Besonders schlimm ist es im 360 Quadratkilometer großen Gazastreifen: Dort ist die einzige relevante Wasserquelle ein Grundwasserreservoir, das hauptsächlich durch Regenwasser und Frischwasserströme aus der Wüste Negev und dem östlichen Israel gespeist wird. Weil die Quelle zu stark genutzt wurde, ist der Grundwasserspiegel gesunken und das Wasser versalzt.

Nur neue Wasserresourcen können deshalb eine friedliche Zukunft für den Nahen Osten garantieren. Die Erkenntnis, daß "wir alle im selben Boot sitzen", wie es Nabil El Sharif formuliert, hat zur Annäherung beigetragen. Eine Studie der GTZ empfiehlt eine gemeinsame Wasserpolitik für Israel, Jordanien und die Palästinensergebiete.

Lange Zeit konnte man sich dabei aber nicht einmal auf gemeinsame Spielregeln einigen.

Zu den Optionen der Studie für die Zukunft gehören Sparmaßnahmen, die Entsalzung des Mittelmeers und der Wasserimport aus anderen Ländern. Die Idee einer Friedenspipeline bleibt vorerst wohl noch ein Traum: Sie könnte das Wasser der in das Mittelmehr mündenden türkischen Flüsse Seyhan und Ceyhan in den Nahen Osten transportieren.

Aufgrund der Beteiligung von mindestens fünf Partnern - neben den genannten die Türkei und Syrien - müßte der Verwirklichung aber eine jahrelange Vertrauensbildung vorausgehen. Danach sieht es derzeit nicht gerade aus.

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Abdelkarim Asa'd, der dem palästinensischen Forschungsteam angehört, sieht in der Studie dennoch eine "praktische Übung, die jede Seite dazu zwingt, in realistischeren und weiseren Kategorien zu denken".

Zudem könnte allein die Einsicht, "wie stark wir alle voneinander abhängig sind", den Friedensprozeß vorantreiben.