Bauen in Berlin? Welche Chronik zählt? Es gibt die Chronik der Grundsatzdebatten, die Chronik der Wettbewerbe und die Chronik des Dachfensters. Der Blick aus dem hoch gelegenen Fenster offenbart, daß erst in diesem Jahr die Baustelle Berlin die Arbeit so richtig aufgenommen hat. Der gesamte Horizont ist von Kränen umstellt, von dem Treptow-Tower über das Engelbecken, Spittelmarkt, Gendarmenmarkt, Checkpoint Charly, Pariser Platz, Zentralbahnhof, Reichstag bis zum Potsdamer Platz. Der "Berliner Architekturstreit" ist längst erschöpft, die Polemik gegen "Neuteutonia" vergilbt in den Feuilletons von gestern. Niemand fragt mehr, ob die neue Reichstagskuppel ein fatales Symbol für die Berliner Republik sei. Man will ihre Konstruktion endlich sehen.

Inzwischen hat sich herumgesprochen, daß ideologische Aufmerksamkeit blind macht. Die neue Friedrichstraße hat ihren Verriß überlebt und zieht die Berliner an. Es ist eine großstädtische, attraktive Straßenschlucht entstanden. Das Auge akzeptiert den Dimensionssprung.

Allmählich verwandeln sich Investoren und Developer ganz vorsichtig in Bauherren mit persönlichem Ehrgeiz. Sie gieren nicht mehr nach den ganz großen Flächen, sondern bauen "auf Lücke", akzeptieren die Parzelle. Sie haben begriffen, daß man nicht für Konzernzentralen bauen kann, die nicht kommen. Und schon wird die Architektur kleinteiliger, variantenreicher, städtischer. Noch vor zwei Jahren war die Parzelle ein Kampfbegriff der Nostalgie. Jetzt wird sie als ökonomisch sinnvolle Einheit begriffen. Das ist vielleicht die unauffälligste, aber radikalste Veränderung auf der Baustelle Berlin.

Mitte November dann lag das "Planwerk Mitte" aus dem Hause des Stadtentwicklers Strieder auf dem Tisch. Wieder traten die Rechthaber, Ideologen, Fundamentalisten zum letzten Gefecht an. Nun ging es aber nicht um die Berliner Republik, sondern um Berlin in der Republik. Skandalon war, daß überhaupt ein zusammenhängender Plan für die Rekonstruktion der historischen Mitte der Stadt vorgelegt wurde. Plötzlich waren sie wieder da, die dogmatischen Denkmalschützer und Betroffenen Ostberlins, die die "fließenden weiten Räume" des Sozialismus gegen Westberlin verteidigen wollten. Daß sich niemand das Planwerk genau anschaute, weil es schließlich bequemer ist, Ideologien herauszulesen, gehört zum Berliner Debattenstil.

So zeigte sich an der Jahreswende 1996, daß die Baustelle Berlin immer noch in einer geteilten Stadt liegt.