Politik, glaubt der Kanzler, lebt von Symbolen. Weil er dies so sieht, hatte er sich in diesem Jahr etwas vorgenommen, was hohe Symbolkraft hat: das Gesetz über die Lohnfortzahlung bei Krankheit.

Fortan ist den Kranken nur noch achtzig Prozent ihres Einkommens garantiert. Nicht daß dies ökonomisch für die Unternehmen wirklich von entscheidender Bedeutung wäre. Jeder weiß, daß sich der Krankenstand in den Betrieben auf andere Art viel wirksamer senken läßt. Aber nach zehn Jahren ermüdender Standortdebatte wollte der Bundeskanzler ein Zeichen setzen.

Daß damit der Traum von einem "Bündnis für Arbeit", der noch im vergangenen Winter die Republik erwärmte, ausgeträumt war, daß zudem die Kanzlerrunde zerbrach, in der das gute alte deutsche Konsensmodell gerade wiederaufgelebt war - nun ja, wenn die Politik einmal Mut beweisen will, darf man wohl nicht kleinlich sein.

Am Ende gehen alle beschädigt aus diesem Jahr. Die Bundesregierung steht zugleich als ungehobelt und hasenfüßig da, weil sie zunächst unsensibel auf einem wunden Punkt der Volksseele herumtrampelte und dann, erschrocken über den Aufruhr in den Betrieben, beteuerte, so sei doch alles nicht gemeint gewesen. Die Gewerkschaften können sich zwar brüsten, sie hätten die Lohnfortzahlung mannhaft verteidigt und den Status quo ante wiederhergestellt. Für diesen Sieg aber haben sie teuer bezahlt, mit mageren Lohnabschlüssen, Abstrichen beim Weihnachtsgeld und anderem mehr. Zudem plagt manchen Funktionär die Sorge, man habe sich an der Lohnfortzahlung abgekämpft und darüber übersehen, daß derweil der eigenen Klientel anderswo viel tiefer in die Tasche gegriffen wird, etwa im Gesundheitswesen.

Die Arbeitgeber schließlich sind blamiert, weil sie das neue Gesetz mit der Brechstange durchsetzen wollten und nicht viel mehr erreicht haben, als zu dokumentieren, wie zerstritten und wenig durchsetzungsfähig sie sind.

Eine ziemlich traurige Bilanz. Macht aber nichts. Es ging ja, wie gesagt, nur um ein Symbol.