Manchmal stinkt er einem schon arg. Soweit kennt das jeder. Dem Kroetz stinkt er seit Jahren, und zwar durchwegs. Da kotzt ihn alles an, da findet er alles scheiße, da haut er bloß noch um sich, und sogar sein Gelächter dabei ist nur ein Meckern. Hin und her beutelt es ihn, seine Riesenerfolge lecken ihn (es ist nicht anders) am Arsch, sein Versagen törnt ihn an, kübelweise Hohn über sich zu gießen, in dem er dann badet wie Dagobert Duck in den Golddukaten: Bürzel in die Höh'.

Nachdem er viele Stücke und Jahre lang Elend und Ekel der andren im Lande dialogisiert hatte, knöpfte sich der Dichter sein eignes Dasein vor, und siehe, es grauste der Sau. Denn da war nichts, bloß Leere, bloß Chaos, jeder Mensch ein madengefüllter Knochensack, oben floß Bier rein, unten was raus, Pipi, Sperma, Aa, je nach Notdurft.

In fünf Akten verriet er den "Dichter als Schwein", wie er inmitten seiner Entourage von Weibern und Männern, Hunden und fernsprechenden Theaterleuten wie ein Brummkreisel durchdreht, während jeder nur von sich (und also von nichts Wichtigem) brabbelt und schreit, jeder haben will und nichts kriegt, weil keiner was zu geben hat.

Thomas Bernhard läßt stets nur einen Protagonisten zu Wort kommen, der sich alsbald in immer weiteren Bögen emporschraubt in die Lüfte, um doch wieder auf dem Eise zu landen und sich dort mit fräsenden Kreisen selbst zu versenken. Haß und Hohn sind läuternde Flammen, sind große Gefühle, die solitär aufblühen wollen wie Orchideen. Der Grant (wie die Bayern dazu sagen) des Franz Xaver Kroetz, dieses Wüten und Toben, ist mürrisch unklar, sauer, muffelig, ziellos ist wie an manchem Morgen, wenn man - mit oder ohne Grund - einfach bös sein, selber leiden und andren weh tun will, nur weil man's will. Dieser Grant ist sich selbst genug und daher nur mit sich beschäftigt, ein Wiesenunkraut sozusagen, Gänsedistel oder Kuhblume allenfalls. Davon braucht's mehrere auf einem Haufen, damit sie einen Fleck in die Gegend setzen.

So reden also jetzt gleich elf Figuren durcheinander, jede versucht ein wenig um die eigne Achse zu kreiseln und den andern dabei einzuwickeln mit fortgesetztem Geschwätz: "Natürlich besteht ein Riesenteil dessen, was ich in diesem Stück schildern will, aus schwätzen - man schwätzt sich pausenlos um Kopf und Kragen, weil einem das Wasser bis zum Hals steht", notierte Kroetz in seinem Tagebuch, 1986, während er diese Komödie hinfetzte.

"Kopf und Kragen" ist zu hoch gegriffen, aber verschwatzt ist das Stück in der Tat, so wie das Leben. Schreiben und speiben, vögeln und koksen, saufen, fressen - das alles muß wohl sein, das alles geht aber nicht mehr, oder nur mit Hängen und Würgen.

Jeder jagt hinter was her und kriegt es nicht: hinter Liebe, Würsteln, Kokain, hinter Terminen, Ruhe, Inspiration - nichts geht.