Fassungslos saßen die Belgier vor dem Fernsehschirm, als Mitte August aus dem tiefen Keller des unscheinbaren Reihenhauses in Charleroi zwei seit Wochen verschwundene Mädchen gerettet wurden.

Der arbeitslose Elektriker Marc Dutroux hatte sie gefangen, betäubt, vergewaltigt und für Pornofilme mißbraucht. Voller Abscheu erfuhren die Belgier später, daß hier auch zwei andere, lange vermißte Mädchen verhungern mußten. Die Aufschreie über das Monster Dutroux, den perversen Einzeltäter, verebbten schnell. Schon bald wurde klar, daß Dutroux nur eine Masche eines kriminellen Netzwerkes war, das seine Verbindungen bis in die Spitzen des Staates hatte.

Die Belgier mußten erkennen, daß der Blick in den gespenstischen Untergrund des unauffälligen Hauses am Rande von Charleroi auch der Blick in den gespenstischen Untergrund ihres unauffälligen Staatswesens war.

Während immer neue Überreste von Dutroux' Opfern geborgen wurden, kamen auch viele ungelöste Affären wieder ans Tageslicht. Auf einmal klärten sich die dichten Nebel um den Mord an dem Politiker André Cools, und es wurde klar, daß es staatliche Behörden waren, die jahrelang Nebelkerzen legten. Polizisten, Gendarmen, Justizbeamte, Politiker, Gangster - versippt, verbandelt und schließlich verhaftet.

Ein Wust von Vorteilnahme und Vetternwirtschaft und ein Volk, das erkennt, daß es den Staat, an den keiner glaubt, in Wirklichkeit gar nicht mehr gibt. Geeint sind Flamen und Wallonen bloß bei Fußballspielen und Begräbnissen. Und in der Wut. Hunderttausende Belgier zogen Ende Oktober durch Brüssel, voller Zorn über die Kaltstellung des Untersuchungsrichters, der gegen Dutroux ermittelte.

Der "weiße Marsch" verlief friedlich.

Belgien zum Jahresende: der Ministerpräsident, der Justizminister, der Innenminister, alles beim alten. Allein in der Schußlinie: Elio di Rupo, stellvertretender Ministerpräsident, ein bekennender Schwuler. Er soll sich an Minderjährigen vergangen haben, was er heftig bestreitet. Ein politisches Bauernopfer? Unterstützung erfährt der Politiker ausgerechnet von jenen Bürgerrechtlern, die seit Jahren die belgische Fäulnis beseitigen wollen. Die Enthüllungen jagen einander, Indiskretionen und Verdächtigungen wuchern und haben womöglich eines zur Folge: daß die Belgier, angewidert von so viel Sumpf, die Tür zum Keller ihrer Nation wieder schließen.