Selten stellt sich die passende Pointe pünktlich ein. Die besten Einfälle kommen zur Unzeit, irgendwann später, zwischendurch.

So ist das bei Prüfungen, so geht es mit Jubiläumsdaten und den dazu fälligen Revisionen. Erst 1981, drei Jahre nach der Feier zur hundertfünfzigsten Wiederkehr von Franz Schuberts Todestag, gelang dem Komponisten Mauricio Kagel der entscheidende Coup: Er befreite den Kollegen Schubert von dessen falschen Liebhabern.

Das ging nur gewaltsam ab, nach allem, was vorher gewesen war: Nur mit Gift und Dolch und schwerem Kaliber ließ sich der Bürger noch schrecken.

Kagel schickte Schubert, 65 Jahre nach dem unterschwellig immer noch fortwirkenden Welterfolg von Heinrich Bertés längst vergessener Operette "Das Dreimäderlhaus" (nach dem "Schwammerl"-Roman von Bartsch), noch einmal hinaus auf die Bühne. Wieder gibt Schubert den Tenor. Wiederum spielt das Stück im Dorfe, im Walde und so weiter. Aber da werden keine Herzen mehr freudig in alle Rinden eingeschnitten. Da summt statt dessen das Goethchen am Spinnrade den schwarzen Blues ("Mmmmm!"), da rasseln Riesenhunde mit ihren Ketten ("Grrrr!"), blutig ersticht der junge Edward seine Mutter ("Ooooo!"), und am Ende gibt Schubert, frei nach Heine und schwer bedrängt von einem feisten, eitlen Kammersänger, zu: "Vergiftet sind meine Lieder!" Worauf der Sänger entseelt zu Boden geht.

Mit solch beinahe brechtschen Taschenspielertricks glückte es Kagel in seiner "Aus Deutschland" genannten Lieder-Oper, die tief ins öffentliche Gedächtnis eingebrannten Bertéschen Kitschglanzoblaten vom tapsigen Franzl und seiner himmlischen, himmlischen Musik wieder ein Stückchen aus der Welt zu schaffen.

Das funktionierte so fabelhaft, weil Kagel genau umgekehrt verfuhr wie Berté. Er hielt sich Schuberts Musik vom Leibe. Andererseits ist das surrealistische Textbuch seiner Oper Silbe für Silbe O-Ton: "Während so die Personen des Stückes ihre Entstehung nachweisbaren Quellen verdanken, kommen in der Regel dagegen keine musikalischen Zitate vor: Es klingt nach Kagel, erinnert jedoch an Schubert."

(Kagel, 1981)