Es gibt ein Leben nach dem Reißwolf. Peter Bareis hat es bewiesen.

Der Professor aus Stuttgart-Hohenheim legte vor zwei Jahren Thesen zur Reform der Einkommensteuer vor, die er mit einer Kommission auf Bitten des Bundesfinanzministers verfaßt hatte. Allerlei Ausnahmen und Vergünstigungen sollten aus dem Steuerrecht getilgt werden.

Waigel beförderte die Expertise in den Shredder. Sein Verdikt: eine politische Provokation, zu ehrgeizig, nicht zu gebrauchen.

Die Thesen erlebten 1996 ihre Wiederauferstehung - und Bareis wurde rehabilitiert. Ob es um die Besteuerung von Zuschlägen für die Nachtarbeit oder die Senkung der Kilometerpauschale geht: In geduldiger Kleinarbeit setzen Union und FDP jene Vorschläge Stück für Stück wieder zusammen, die Waigel vorschnell entsorgt hatte. Die SPD hat sie schon länger übernommen.

Der Steuerstaat ist für Bareis keineswegs eine schützende und helfende Hand, die den sozialen Ausgleich befördert. Vielmehr sieht er ihn als bevormundende Obrigkeit, die in die Schranken gewiesen werden muß. Obsessives Bemühen um eine möglichst geringe Steuerlast macht ihn gleichwohl mißtrauisch. Bareis' Vorschläge sind zum Maßstab geworden. 1996 wurde er von allen Parteien eingeladen, sogar Waigels CSU wollte plötzlich von ihm hören, wie das Steuersystem reformiert werden kann. Der Steuerrechtler weiß selber nicht mehr, wie viele Veranstaltungen er in diesem Jahr bestritten hat. Weil alle seinen Rat erbitten, kann sich keine Partei exklusiv mit seiner Expertise schmücken. Bareis ist der ruhende Pol, um den herum die Parteien ihren steuerpolitischen Wettstreit austragen.

Der Professor ist der Beweis dafür, daß Wissenschaftler durchaus die Politik beeinflussen können, wenn ihre Vorschläge nur konkret genug und überzeugend begründet sind.