Mit seinen Thesen über die Beteiligung der "ganz gewöhnlichen Deutschen" am Holocaust hat der junge Harvard-Dozent Daniel Jonah Goldhagen die deutsche Öffentlichkeit aufgewühlt. Zuerst wehrten sich Medien und Wissenschaftler gegen Goldhagens Thesen, später stimmten ihm einige zu. Einig blieben sich die Kritiker allerdings darin, daß Goldhagen es sich zu einfach mache, wenn er die Mordbereitschaft der vielen "willigen Vollstrecker" aus einem in Deutschland tief verwurzelten "eliminatorischen" Antisemitismus zu begründen versucht.

So deutete alles darauf hin, daß er bei der Verteidigung seines Buches während seiner Deutschland-Reise im September einen schweren Stand haben würde. Doch wo immer er auftrat - in Hamburg, Berlin, Frankfurt und München -, flogen ihm die Sympathien zu. Offenbar honorierte das Publikum, daß hier ein Wissenschaftler mit großer Entschiedenheit auf der individuellen Verantwortung jedes Täters (und gerade nicht auf Kollektivschuld) beharrte.

Manche Kommentatoren glaubten, diese unerwartet positive Reaktion als typisch deutsche Neigung zur "kollektiven Selbstbezichtigung" abwerten zu müssen. Aber was macht es eigentlich so schwer, in der Aufgeschlossenheit, auf die Goldhagen im Land der Täter gestoßen ist, eines der erfreulichsten Ereignisse des Jahres zu erkennen?