Erst wurde vor einer Tragödie gewarnt, und alle Welt wollte helfen.

Jetzt will niemand mehr etwas von Krieg und Flüchtlingsnot in Ostzaire wissen. Die Interventionisten, die besonders laut nach bewaffneter Barmherzigkeit gerufen hatten, schweigen betreten.

Sie ahnen, daß die komplizierte Krise im Herzen Afrikas mit militärischen Mitteln ohnehin nicht zu lösen gewesen wäre.

Der schwelende Konflikt eskalierte zum offenen Krieg, als Rebellen der Tutsi-Minderheiten die Flüchtlingslager der Vereinten Nationen angriffen. Hunderttausende von Hutu, die nach dem Völkermord 1994 aus Ruanda geflohen waren, strömten zurück in ihre Heimat oder wanderten tiefer ins Landesinnere von Zaire. Die Organisatoren des Genozids, Hutu-Militärs und -Milizen, hatten die Flüchtlinge als Schutzschild und die Camps als Operationsbasen für die Rückeroberung Ruandas benutzt. Die Uno fütterte die Verbrecher zwei Jahre lang durch und war unfähig, die Vertriebenen zu repatriieren. Nun darf sie den Rebellen dankbar sein: Sie haben das Problem der Rücksiedlung gewaltsam gelöst.

Gleichzeitig verschärfte ihre Offensive die schwerste innenpolitische Krise, in der sich Zaire seit der Unabhängigkeit befindet: Das größte Land Zentralafrikas droht sich von den Rändern her aufzulösen.

Zwar kehrte Präsident Mobutu Sese Seko nach viermonatigem Aufenthalt in der Schweiz kurz vor Weihnachten in sein Reich zurück. Ob der todkranke Diktator noch über die Macht und die Mittel verfügt, die Einheit des fragilen Zaire zu bewahren, darf indes bezweifelt werden. Denn die Rebellen im Osten haben starke Verbündete. Burundi und Ruanda, beide geführt von Tutsi-Regimen, sowie Uganda, alle drei geduldet und gefördert von den USA. Auf der Seite Zaires stehen die Hutu und der gemeinsame Schutzpatron Frankreich. An der Front prallen erstmals das frankophone und das anglophone Afrika aufeinander - ein Konflikt mit unabsehbaren Folgen für den ganzen Kontinent.

Nach dem jämmerlichen Rückzug der multinationalen Schutztruppe können die Afrikaner auf keinerlei Beistand von außen mehr rechnen.