Recht geht vor Macht? Nur wenn es eine Macht gibt, die sich des Rechts annimmt. Als der UN-Sicherheitsrat im Februar 1993 beschloß, in Den Haag ein internationales Tribunal zur Bestrafung der Kriegsverbrechen im früheren Jugoslawien einzusetzen, schien es, als sei dieser Augenblick endlich gekommen.

Seitdem ist neben dem Haager Gericht ein zweites Gericht im tansanischen Arusha geschaffen, das den ruandischen Völkermord von 1994 aufarbeiten soll. Beide Gerichte teilen sich eine Anklagebehörde, die ebenfalls in Den Haag angesiedelt ist. Monatelang wurde gerangelt, bis die drei Institutionen finanziell, organisatorisch und vor allem personell ausgestattet waren - aber wie sieht die Bilanz nun, vier Jahre später, aus? Vor dem Haager Gericht sind inzwischen 17 mutmaßliche Kriegsverbrecher angeklagt, gegen insgesamt 74 Verdächtige (vor allem bosnische Serben, aber auch Kroaten und Muslime) wird ermittelt.

Nur: Bisher sind lediglich sieben der Angeklagten in Haft. Und im einzigen bisher eröffneten Verfahren - gegen den Gelegenheitsmilizionär Dusan Tadic - hat vor kurzem einer der Hauptbelastungszeugen seine Aussage zurückgezogen, weil er angeblich von der bosnjakischen Polizei zur Falschaussage gezwungen wurde. In Arusha sind 21 mutmaßliche Beteiligte am Völkermord angeklagt. Vier sitzen in einem tansanischen Gefängnis zwölf weitere Verdächtige sind in anderen afrikanischen Staaten inhaftiert, darunter sogar der militärische Chefplaner des Völkermords, Oberst Théoneste Bagosora. Ende 1996 sollten drei Prozesse beginnen - aber alle wurden vertagt, wegen Schlampereien der vor Ort arbeitenden Anklagevertreter.

Ein desolater Befund? Die neue Chefanklägerin in Den Haag, die Frankokanadierin Louise Arbour - ihr charismatischer Vorgänger Richard Goldstone ist auf seinen Posten am südafrikanischen Verfassungsgericht zurückgekehrt -, steht vor einer großen Herausforderung. Aber für den Ausgang dieses historischen Experiments ist sie nicht allein verantwortlich. Die beiden Tribunale sind nur so mächtig, wie die Mitgliedsstaaten es zulassen - und es obliegt vor allem diesen, dem Recht zum Durchbruch zu verhelfen. Zum Beispiel mit der Verhaftung von angeklagten Kriegsverbrechern. Bei den Verbrechen in Bosnien und Ruanda hat die Weltgemeinschaft ohnmächtig zugesehen: Die Tribunale waren ein verspäteter Versuch, den Opfern doch noch Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Wenn man sie jetzt scheitern ließe, würde Unrecht nachträglich zu Recht gemacht.