Sie galten als ungebildet und bewahrten doch eine alte Hochkultur.

Immer wieder waren sie dem Haß ihrer Nachbarn ausgesetzt, und selbst ihre wohlhabenden Glaubensgefährten in Europas Metropolen wollten nichts mit ihnen zu tun haben. "Es ist furchtbar schwer, ein Ostjude zu sein", schreibt Joseph Roth, der aus einem Schtetl in der heutigen Ukraine stammte. Rund tausend Jahre bildeten die Juden eine bedeutende, wenn auch vielfach geschmähte Bevölkerungsgruppe im Osten Europas bis zum brutalen Ende ihrer Gemeinschaft vor etwas mehr als fünfzig Jahren. Orte wie Auschwitz, Treblinka oder Majdanek, allesamt östlich der Weichsel gelegen, gelangten zu trauriger Berühmtheit. Von den sechs Millionen Juden, die Hitler töten ließ, hatte über die Hälfte in Polen gelebt. Aber auch in der Ukraine und Litauen, in Weißrußland, Ungarn, der Tschechoslowakei und Rumänien löschten die deutschen Besatzer eine lebendige jüdische Tradition aus. Jetzt hat sich der Photograph Jnos Kalmr in all diesen Ländern auf Spurensuche begeben. Er hat verfallene Synagogen und überwucherte Friedhöfe abgebildet. Aber er hat auch neuformierte Gemeinden aufgespürt und die Männer beim Freitagsgebet, die Kinder in der jüdischen Schule photographiert. Seine Bilder dokumentieren einfühlsam den Untergang und gleichzeitig den bescheidenen Neubeginn jüdischen Lebens in Osteuropa.

Allerdings: Kalmrs Buch lebt nicht allein von den Photographien.

Die Hebräisch- und Jiddischdozentin Elvira Grözinger hat insgesamt 37 Texte aus zwei Jahrhunderten ausgewählt, die den ostjüdischen Alltag beschreiben zu Wort kommen namhafte Autoren wie Joseph Roth und Isaak Bashevis Singer, Alfred Döblin, Martin Buber und Chaim Weizmann, aber auch unbekanntere Zeitzeugen. Zudem hat sie jedem der neun Kapitel eine Zusammenfassung der jüdischen Geschichte in dem jeweiligen Land vorangestellt - ein höchst informativer und fundierter Überblick über Fakten, die schon allein wegen der häufig geänderten Landesgrenzen in der Region sonst nur schwer zugänglich sind.

Nicht zuletzt bietet der Band im Anhang ein umfassendes Adressenverzeichnis zu 150 Orten: neben den Anschriften von Synagogen und Friedhöfen auch Öffnungszeiten jüdischer Museen und Telephonnummern von Kontaktpersonen in den Gemeinden. So gibt das Buch dem Leser die Chance, sich selbst auf die Spur jüdischen Lebens in Osteuropa zu begeben.

Und dieses tausend Jahre alte Kapitel europäischer Geschichte nicht nur in eindrucksvollen Photographien und Texten, sondern auch in eigener Anschauung nachzuvollziehen.

Jnos Kalmr, Elvira Grözinger: