Es ist ja wirklich nicht so, daß wir endlich erführen, wer Helmut Kohl ist, wie er aussieht und wie er sich gibt. Kaum ein Tag ohne den gedruckten, gesendeten Bundeskanzler, vor allem als Hände schüttelnden Staatsmann, diese Erfindung verschlafener Photoreporter, die sich das lächerlich gewordene Symbol auf Zuruf wiederholen lassen und es oft und oft auch wiederholt kriegen. Nichts davon in diesem großen, schön gesetzten, sorgfältig gedruckten, in graubraunes Leinen geschlagenen Buch, in welchem Helmut Kohl "Auf der Höhe der Zeit" dargestellt wird: von Christian Müller, dem Korrespondenten der Neuen Zürcher Zeitung in Bonn, und dem Photographen und Kanzlerspezialisten Konrad R. Müller.

Der Schweizer präsentiert uns seinen Helden in einem historisch kundigen, überaus freundlichen Essay, der in einer leider etwas geknäuelten Hausgebrauchssprache geschrieben ist. Der aus Berlin stammende Photograph wiederum hat es darauf angelegt, den Staatsmann in wohlgestalteten, überaus freundlichen Bildern zu verschönern.

Wir sehen Kohl mit Gorbatschow, mit Mitterrand und Chirac, Kohl mit Clinton, auch mit Arafat sowie, aber ja doch, mit Ernst Jünger im Hause Jüngers.

Es sind nicht Bilder eines gehetzten, sich im Gedränge von Reportermeuten mühsam behauptenden Photographen, sondern Aufnahmen eines Privilegierten, der merklich die Sympathie seines Objektes genießt. Er mußte sich nicht wie seinesgleichen in den zwanziger Jahren heimlich den Zutritt zu den geschlossenen Zirkeln der Politik verschaffen, er war beim Kanzler auch nicht nur geduldet, im Gegenteil: Offensichtlich war er sehr erwünscht, auch bei Privatissima. Dafür hat sich Konrad Müller revanchiert: auf jede - geschweige denn kritische - Distanz verzichtend mit schönen, oft aufdringlich verschönernden Bildern. So begegnen wir einem lieben, unheimlich netten, oft lächelnden, auch lachenden, bisweilen ernst, aber niemals zornig blickenden Mann, der hier und da dem Zuruf "Bitte mal in die Kamera schauen! Und lächeln!" gehorcht hat. Wir sehen Helmut Kohl von allen Seiten, auch von hinten, mal allein, mal unter anderen, stets malerisch ins Bild gesetzt. Ausgeschlossen aber, den Kanzler authentisch chprechen zu hören, ihn linkisch an Schlips und Jackenknopf fingern, verärgert umherblicken oder Leuten unwirsch über den Mund fahren zu sehen.

Daran hatte den beiden Schönwetter-Autoren, wie es scheint, auch gar nicht gelegen sie wollten ihrem Helden den Hof machen, ihn nicht "in Wirklichkeit" vor Augen führen. Und so sehnt man sich am Ende mächtig nach einer gezeichneten Karikatur, um der Wahrheit nahe zu kommen.

(Christian Müller, Konrad R. Müller: "Helmut Kohl - Auf der Höhe der Zeit" Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 1996 120 S., 88,- DM)