Wer kennt schon Vals. Kennt es überhaupt jemand? Vals ist ein kleines Bergdorf mit etwa neunhundert Einwohnern in Graubünden.

Es liegt knapp dreizehnhundert Meter hoch an einem der Quellflüsse des Rheins südwestlich von der Kantonshauptstadt Chur. Von dort erreicht man es nach anderthalb Stunden Fahrt, zuerst mit der Rhätischen Eisenbahn, dann weiter mit dem Postbus, der sich am zerklüfteten, immer steiler werdenden Gebirgstal des Valserrheins entlang gemächlich hinaufwindet. Nicht viel, was einem in diesem Dorf ins Auge fällt, ein zehnstöckiger Hotelturm, ein grimassierendes, Hundertwasser nachgemachtes Haus mit der Poststation und einem Café, auch das moderne Abfüllwerk der St. Petersquelle, das, wie man liest, jährlich fünftausend Waggons mit Mineralwasser ins Land schickt, auf den Tag gerechnet fast zweihundertachtzigtausend Flaschen. Es ist der erste Hinweis auf den Schatz, dessen sich das alpine Dorf erfreut, eine Thermalquelle, die sich 26 Grad warm aus der Bergwand des Piz Aul ergießt.

Seit 1894 bemüht man sich, sie zu nutzen, baute ein Kurhotel, ergänzte es mit Dusch- und Badekabinen, später mit einem Freiluftbassin, es ging auf und ab damit in dem armen Dorf. Gegen 1960 versuchte das Kurhotel mit einem Neubau im leichten, unprätentiösen Stil der Zeit, das Glück neuerlich herauszufordern und geriet zwanzig Jahre später in Konkurs. Jedesmal litt das ganze Dorf darunter die jungen Leute, Valser Schwabengänger genannt, zogen nach Bayern auf Arbeitssuche. Dann erwarb die Gemeinde den Hotelkomplex. Als kein Investor, kein Hotelier das ferne Tal und seine Auspizien verlockend genug fand, überwand sie sich und faßte vor fünf, sechs Jahren den epochalen Beschluß, die Doppelrolle des Bauherrn und die des Unternehmers selbst zu spielen und, wenn schon, dann eine Architektur ohnegleichen zu wagen. Seit Mitte Dezember wissen alle, daß das 26 Millionen Schweizer Franken kostende Abenteuer ein Baukunstwerk hervorgebracht hat - genau das, worauf das Dorf tollkühn spekuliert hat und womit es hofft, Aufsehen zu erregen und die badeselige Welt zu reizen.

Unter den sieben Wettbewerbsentwürfen, die Vals sich damals hatte vorlegen lassen, war der von Peter Zumthor aus Haldenstein bei Chur ausgewählt worden. Ihn einen Star-Architekten zu nennen ist gottlob noch niemandem eingefallen. Kennt ihn überhaupt wer? Doch, doch da er ohne Zweifel in die Klasse darüber gehört, wo die Baukunst wohnt, ist er zumindest unter seinesgleichen hoch angesehen.

Dabei finden sich auf der Liste der von ihm selber für wichtig gehaltenen Arbeiten nur knapp ein Dutzend Bauten, deren zwei obendrein noch unvollendet sind, das Kunsthaus in Bregenz am Bodensee und das politisch dahinrumpelnde Dokumentationszentrum "Topographie des Terrors" in Berlin.

Doch sie haben genügt, den Ruhm des 53jährigen, aus Basel gebürtigen Architekten gleichsam unterderhand zu verbreiten und ihm in wenigen Jahren neun Preise einzutragen, darunter die Tessenow-Medaille (1989), den Erich Schelling-Preis (1996), zweimal den Internationalen Architekturpreis für Neues Bauen in den Alpen (1992 und 1995), zudem die Mitgliedschaft in der Berliner Akademie der Künste.

So scheint keine Wette zu hoch, daß Peter Zumthors jüngstes Werk die Spekulation des Valser Gemeinderates und seiner enragierten Baukommission glücken wird: Aufsehen bei den Kennern zu erregen und Neugier bei denjenigen, welche badend ein Heil für ihren Körper und eine Labsal für ihre Seele erhoffen.