In Zeiten allgemeiner Irrungen und Wirrungen mag ein Blick zurück Orientierung und Sicherheit geben. Dem "Spiegel" hat er bei seinem Schwächeanfall durch die "Focus"-Offensive, vorübergehend, geholfen. Nach einem Wechsel in der Chefredaktion hatte sich das Blatt auf das besonnen, was es konnte, was von ihm erwartet wurde und was seine selbstgewählte und oft glänzend gelöste Aufgabe war: Nachrichtenmagazin und Feuermelder der demokratisch verfaßten Gesellschaft zu sein, obgleich, so muß mit Bedauern hinzugefügt werden, dies im größer gewordenen Deutschland nicht mehr so recht gelingt. Doch dies ist eine andere Geschichte.

Das Münchhausen-Rezept, mit dem der Spiegel sich am eigenen Schopf aus der in den Redaktionen um sich greifenden Verunsicherung gezogen hatte, ist beispielgebend für die Rückbesinnung, die sich ARD -aktuell, eine andere unverzichtbare Informationsquelle der Republik, verordnet hat. Vom 1. Januar 1997 an präsentieren sich "Tagesschau" und "Tagesthemen" , "Nachtmagazin" und die neu hinzukommende, moderierte "Tagesschau um fünf" in einem völlig neuen Erscheinungsbild. Im zeitgeistigen Computerdeutsch der Presseverlautbarungen, auch On-screen-Design, Re-Design und gar Design-Philosophie genannt.

Das ist diesmal mehr als eine der im Quotenwettlauf schon oft vollzogenen kosmetischen Korrekturen. Das Gewohnte wird verschwinden. So auch der dramatische Auftakt der "Tagesschau", mit der als Nadelkissen dargestellten Weltkarte, die, sich auflösend, auf den Zuschauer eindringt. Nach den wilden Jahren der stroboskopischen Bilder und Graphiken entdeckt das Erste Programm wieder die Vorteile von Ruhe und Klarheit in seinen Gestaltungen der Programmankündigungen, Sendetitel und Moderationen. ARD-aktuell, das Markenzeichen und Zugpferd des Ersten, macht im Informationsprogramm den Anfang.

So mag es sich, im Verständnis der anglo-amerikanischen Umgangssprache, doch um eine Design-Philosophy handeln, wenn die urbanen Profis des Wiener Design-Büros DMC die Verpackung nunmehr dem Bestreben anpassen, "das Profil des Ersten, was seine Ur-Tugenden wie Seriosität, Verläßlichkeit und Kompetenz angeht", schärfer zu akzentuieren. So will es Günter Struve, Programmdirektor der ARD.

Langweilig und bieder wirkt das nicht, wie die ersten Proben zeigen. Der beständige, blau getönte Hintergrund mit seiner unaufdringlichen Weltkartenprojektion gibt der Information stets den Vorrang. Die Überfütterung mit graphischen Spielereien wird ersetzt durch eine inhaltsbezogene kühle Choreographie von Schrift und Fenstern, die ihre Gestaltung aus dem den meisten Zuschauern vertrauten Umgang mit dem eigenen Computer beziehen.

Als eine Zusammenfügung von Tradition und Moderne preist das Erste diese Selbstbesinnung. Wohl wahr. Erstaunen muß dabei nur der mühsame Umweg hervorrufen. Die Zeitungen, Zeitschriften und gedruckten Magazine, die ja auch optische Medien sind, doch ohne die Verführungen des bewegten und bewegbaren Bildes, haben sich nicht ihrer unverwechselbaren Erkennungszeichen, der Titel, begeben. Bei aller schrillen Vielfalt des Layouts haben sie nie ihre Wiedererkennbarkeit sich schnell abnutzender Mimikry geopfert.