Der Dampfschiffahrtskapitän Friedrich Pabst war ein stattlicher Mann, als er im Jahre 1862 Maria Best ehelichte, die älteste Tochter des Brauereibesitzers Phillip Best aus Milwaukee. Der Ehe entstammten elf Kinder, von denen allerdings sechs schon im Jugendalter starben. Wichtiger aber: Sie machte aus einer kleinen Brauerei den vorübergehend größten Bierhersteller Amerikas und aus Pabst eines der bekanntesten Biere der Vereinigten Staaten. Der in Thüringen geborene Kapitän begründete eine lange Tradition.

Die aber endet mit der Jahreswende, weil der Betrieb keine Gewinne mehr abwirft und sich Gewerkschaft und Management nicht über einen neuen Tarifvertrag einigen konnten: Nach 152 Jahren schließt Pabst deshalb in Milwaukee seine Pforten, 250 Brauereiarbeiter stehen auf der Straße. Es sei der Schlußpunkt eines langen, mühseligen Siechtums und für die Stadt "das Ende einer Ära", sagt Maggie Jacobus vom örtlichen Visitors and Convention Bureau, "Pabst und sein Bier waren immer ein Fixpunkt für Milwaukee".

Gemeinsam mit den ebenfalls von Deutschen gegründeten Brauereien Schlitz und Miller gab das Unternehmen der Stadt am Lake Michigan ihr Image als "Brew Town U.S.A.". In den besten Zeiten war Milwaukee für die Bierproduktion so bedeutend wie Detroit für die Herstellung von Autos. Die Brauereiindustrie zahlte gute Löhne, mit denen Arbeiter und Angestellte in die Mittelklasse aufrücken und ihren Kindern den Collegebesuch finanzieren konnten; in den Fabriken arbeiteten Vater und Sohn oft Seite an Seite. Selbst das Baseballteam, die Milwaukee Brewers, kündete vom legendären Erbe der Stadt.

Phillip Best war einer der ersten, der daran teilhatte. 1844 war der Braumeister aus dem hessischen Mettenheim nach Wisconsin gekommen. In Milwaukee fand er, was zum Brauen nötig war: Wasser, gute Transportwege, Hopfen und Malz - und viele deutsche Einwanderer, die sein Bier tranken. 1874 war Pabst die größte Brauerei der USA, um die Jahrhundertwende wurde das Bier auch in Japan und Deutschland verkauft. Verantwortlich für den Aufstieg zeichnete vor allem Friedrich Pabst, der ein sicheres Gespür für Werbung und Marketing hatte. In New York besaß das Unternehmen vorübergehend das größte Restaurant der Stadt.

Pabsts Glanzzeit als Bier der Arbeiter und kleinen Leute dauerte bis 1978, als die Brauerei noch einmal mehr als 1,7 Milliarden Liter Gerstensaft verkaufen konnte. Heute dagegen läßt sie ihr Produkt von der Konkurrenz brauen. In dem alten, dunkelgrau gewordenen Fabrikgebäude an Milwaukees Juneau Avenue stehen fast alle Räder still. Der Firmenparkplatz ist leer, der Schornstein über den schmutzigen Backsteinbauten mit der weithin sichtbaren Aufschrift Pabst wirkt wie Hohn. "Brauereibesuche sind seit dem 30. August auf Dauer abgesagt", heißt es auf einer Tafel neben dem schmiedeeisernen Eingangstor.

Den ersten 700 Arbeitern war schon Anfang 1996 gekündigt worden. Dann strich der Bierhersteller seinen Pensionären die Krankenversorgung. In der Stadt tauchten T-Shirts mit dem Schriftzug Shame on Pabst auf, der Absatz des traditionsreichen Bieres ging rapide zurück. Von dem alten Gemeinschaftsgeist, der Friedrich Pabst und seine Frau zu allseits verehrten Philantropen, Erbauern des Stadttheaters und - so eine Zeitung im Jahr 1906 - zu Helfern von Armen und Benachteiligten - gemacht hatte, war nicht viel übriggeblieben. Seit 1985 gehörte der Betrieb kalifornischen Investoren, die wenig Interesse am Schicksal der Stadt und ihrer Bewohner hatten. Das Pabst-Management habe schwere Fehler gemacht und gegenüber seinen Arbeitern nur "Verachtung" gezeigt, meinte Milwaukees Bürgermeister John Norquist, als im Spätsommer die endgültige Schließung der Brauerei bekannt wurde.