Wenn der One Fifty One vom offenen Seeufer in die North Michigan Avenue einbiegt, wird es schlagartig dämmrig. Rechts und links steigen Häuserfronten empor und verjagen das Tageslicht. Man fährt hinein in eine halbdunkle Traumlandschaft mit prächtigen Fassaden und breiten Trottoirs und mit Menschen, die aussehen, als hätten sie sich eigens für diese Welt herausgeputzt.

Eine Stadt im Schatten kann ungeheuer schön sein. Wenn der Himmel ganz fern ist und nur ab und zu ein Sonnenstrahl durch eine Baulücke bricht, sind die Menschen ganz unter sich. Es stimmt ja nicht, daß hohe Häuser klein machen. Sie drücken nicht, sie schützen und schaffen eine warme Intimität, mitten in der Masse.

Irgendwo muß ich aussteigen. "Kennen Sie den Tribune Tower?"

Die Dame auf dem Sitz neben mir lacht. So wie eine Berlinerin lachen würde, die nach dem Brandenburger Tor gefragt wird. (Eine Berlinerin würde nicht lachen.)

Die Dame sagt freundlich: "Bleiben Sie in meiner Nähe, ich gebe Ihnen Bescheid."

Der Tribune Tower, Sitz der Chicago Tribune , der größten und traditionsreichsten Tageszeitung des Mittleren Westens, verschlägt einem Neuankömmling den Atem. Ja, so muß die vierte Gewalt wohnen. In einem Haus, das der City Hall, dem State of Illinois Building und den Gerichtsgebäuden schon optisch die Stirn bietet. Ein bißchen sieht der Tower aus, als hätten sich die Architekten in den zwanziger Jahren bemüht, einen Turm des Kölner Doms nachzubauen. In hellem Sandstein und mit neogotischen Verzierungen, windet er sich in die Höhe, bis die amerikanische Flagge auf dem Dach das Ende anzeigt.