Thomas Hobbes' "Leviathan" von 1651, dieses Bild eines menschgeschaffenen Staatsmonstrums, beherrscht das politische Denken bis heute. Denn der Behemoth, gegen den er errichtet wurde, konnte niemals ganz besiegt werden. Im Naturzustand herrscht, Hobbes zufolge, allein die Lust des einzelnen, der sich bedenkenlos entfalten kann. Da er jedoch durch die Macht des jeweiligen Gegenübers gebremst wird, besteht das Leben aus dem Wechselspiel von Vorteilsnahme und Gegenwehr: also einem unablässigen Bürgerkrieg. Das Fehlen allgemeiner Regeln bringt mit der Freiheit daher auch den frühen Tod. Aus der Überlegung, daß man älter als zwanzig werden muß, um ein Mindestmaß an Glück zu verwirklichen, erfindet Hobbes den Staat als ein schreckenerregendes Monster, den Leviathan, dem die Machtwünsche aller Individuen übertragen werden. Der Lohn für diesen Verzicht ist ein langes Leben und, im Schatten des Souveräns, die Entfaltung der bürgerlichen Individualität.

Daß Hobbes seinen Leviathan als Uhrwerk begreift, ist immer wieder gesehen und erörtert worden, aber daß er ihm im kryptisch formulierten Beginn des Werkes die Züge eines biomechanischen Automaten verleiht, dessen Gliedmaßen und Organe durch Menschen gebildet werden, die wie ein Schuppenpanzer die Haut ersetzen und sich offenbar auch in die Tiefe erstrecken, und der, in schroffem Gegensatz zu Desçartes' Automatentheorie, mit höherer Vernunft und Seele versehen ist, hat immer wieder Verwunderung und auch Befremden hervorgerufen.

Es ist aber gerade diese Leibmetaphorik, die in den letzten Jahren gezielt aufgegriffen wurde: als Zeichen des global capitalism und seines kommunikationstechnischen Pendants, des Cyberspace mit dem Internet. Allein eine Anfrage an eine der bekannteren Suchmaschinen wie den Netguide wirft 1402 Programme, Texte und Bilder aus, die den Leviathan im Titel führen, um sich mit dessen Macht und Ausdehnung zu vergleichen. Offenbar sind der Hobbessche Leviathan und das Internet nicht nur darin zu vergleichen, daß sie beide als menschgeschaffene Gebilde neue Gemeinschaften erzeugen, sondern daß sie ähnliche Probleme aufwerfen: Wie und aus welchen Gründen entsteht Gemeinschaft, welcher Preis ist für diese Civitas zu zahlen, und welchen Nutzen bringt sie?

Offensichtlich erfüllt das Internet darin die Grundstimmung des Staatsautomaten, daß es sich um ein künstliches Wesen handelt, das mit dem Menschen scheinbar wie mit einem Gegenüber zu kommunizieren vermag. Seiner Größe und seinem Wachstum nach ist es derart exponentiell und jedwedem Erfahrungshorizont des Menschen so enthoben, daß es gleichfalls divinale Züge gewinnt; wenn der Leviathan ein "sterblicher Gott" ist, dann ist das Netz die bildlose Form des Alter deus. Die Macht, mit der es in weniger als drei Jahren in die Büros, Labors und Haushalte von sechzig Millionen Nutzern gedrungen ist, ist in der Rhetorik der Propagandisten daher immer wieder mit überirdischen Zügen versehen worden.

Metatechnisch angefeuerte Autoren beschreiben das Internet, dem Hobbesschen "artificiall animal" gemäß, als ein künstliches Wesen, "eine bioelektronische Umwelt", die "eher ein Ökosystem denn eine Maschine" genannt werden kann. Der Begriff environment verdeutlicht, warum sich der Leviathan nicht etwa des Bildes riesiger Antennen und damit einer vertikalen Metaphorik bedient, wie es Hobbes' "Leviathan" tat. Getreu der unhierarchischen Mentalität unserer Tage überragt es den Menschen nicht wie ein Riese, sondern begibt sich in weltumspannender Horizontale auf dessen Ebene. Es ist bildlos, aber ein extraterrestrischer Blick könnte vom Leuchten der nächtlichen Knotenpunkte des Lichtes vermutlich deckungsgleich auf die Verknüpfungen des Internet schließen. Es umschmeichelt den Menschen, umhüllt ihn aber mächtiger, als es jede Autorität vermochte, gegenüber der er sich definieren und gegebenenfalls auch wehren konnte.

Bei aller Ähnlichkeit verkörpern Leviathan und Internet daher die denkbar weitest entfernten Extreme. Während der Leviathan in der Konkretisierung im Bild und in der Handlung seine Bestimmung findet, erfüllt sich das Internet - zumindest in der Rhetorik seiner Apologeten - in der Überwindung alles Körperlichen. Indem es, wie in einem Gegenbild zum Leviathan, angeblich die Fesseln der Materialität abstreift, tilgt es auch die Regeln und Gesetze, insofern diese nur so weit existieren, als sie sich in Körpern verwirklichen.