Für "Goldhagen wie für die Nationalsozialisten war Hitler gleich Deutschland", schreibt Fritz Stern in der jüngsten Ausgabe der angesehenen amerikanischen Zeitschrift Foreign Affairs. Er meint, Goldhagens Werk "Hitlers willige Vollstrecker" verharre gefährlich nahe am alten Klischee, wonach eine autoritäre, antisemitische Linie von Luther zu Hitler führt. Trotzdem markiere das umstrittene Buch eine Zäsur in den deutsch-amerikanischen Beziehungen, unter anderem weil ihm die ZEIT auf ihren Seiten "beispiellosen und vielleicht auch unangemessenen" Raum gegeben habe.

Doch in Universitätskreisen hat sich die Debatte über das Buch auf die interne Ebene verlagert. Daniel J. Goldhagen ist einer der Kandidaten für einen ordentlichen Lehrstuhl an der Harvard-Universität , eine der begehrtesten akademischen Positionen in Amerika. Sein wichtigster Kontrahent ist zugleich ein harter Kritiker: Christopher Browning.

Nicht nur diese beiden liegen im Rennen, sondern auch Omer Bartov, Historiker an der Rutgers-Universität in New Jersey, Dan Diner von den Universitäten Essen und Tel Aviv und Samuel Kassow vom Trinity College in Connecticut. Wer von diesen fünf soll der neue Ordinarius werden? Die Entscheidung liegt bei den ebenfalls fünf Mitgliedern der Berufungskommission - mit Ausnahme des Philosophen Michael Sandel allesamt Professoren für europäische Geschichte oder jüdische Studien. Die Kommission muß anhand der job talks, der Bewerbungsvorlesungen, und der schriftlichen Arbeiten und Zeugnisse der Kandidaten den neuen "Helen Zelaznik Professor of Holocaust Studies" aussuchen.

Eine reiche New Yorker Familie hat den Lehrstuhl gestiftet; rund dreieinhalb Millionen US-Dollar kostet eine solche Professur heute erfahrungsgemäß den Spender. Bisher gibt es nur wenige Lehrstühle für Holocaust-Studien im Lande. Nun, da Harvard sich anschickt, ihn einzurichten, werden vielleicht mehr Universitäten den Schritt wagen.

Aber ist es Harvard wirklich ernst mit dem Vorhaben? Der Direktor des Forschungsinstituts des Holocaust-Museums in Washington, Michael Berenbaum, zweifelt daran. "Ich habe Gerüchte gehört, daß Harvard nur so tut, als ob." Es wäre nicht das erste Mal in der 360jährigen Geschichte der Universität, daß die Suche nach einem geeigneten Wissenschaftler erfolglos abgebrochen würde. Doch der Verdacht wird energisch zurückgewiesen. "Wenn Harvard einen Lehrstuhl nicht haben will, dann lehnt es dessen Stiftung einfach von Anfang an ab", erklärt Carol Thompson, stellvertretende Dekanin für akademische Angelegenheiten. Die fünf Bewerber wurden also eingeladen und trugen im Laufe dieses Wintersemesters ihre job talks in Harvard vor. Die Vorlesungen wurden zu einer eindrucksvollen Momentaufnahme der heutigen Holocaust-Forschung.

Das Hauptinteresse galt Browning und Goldhagen. Sie lockten die meisten Zuhörer an. Christopher Browning, Autor des Buches "Ganz normale Männer", konzentrierte sich auf Herkunft und Weiterentwicklung des neuen Faches. 1970 sei der Begriff "Holocaust" noch kaum verbreitet gewesen; inzwischen sei ein lebendiges, selbständiges Forschungsfeld entstanden. Drei Themenkreise stünden bisher im Mittelpunkt: das Verhalten der Täter, die Rolle der Zuschauer und der Passiven (worunter auch Staaten zu verstehen seien) und die Nachwirkungen des Mordes an den Juden. Man brauche nun vergleichende Studien von Massenvernichtungen, auch wenn es ein "Akt der Gefühllosigkeit" sei, den Holocaust mit anderen Menschheitsverbrechen zu vergleichen. Aber vergleichende Studien dürften "nicht denjenigen überlassen werden, die diese aus durchsichtigen politischen Motiven" betrieben.