"Vom Himmel auf die Erden falln sich die Engel tot"

(Wolf Biermann, Barlachlied)

Ja, Verrat. Es muß über Verrat gesprochen werden, nachher um drei, wenn Ehle kommt. Er wird pünktlich sein. Er wird das Bett im Wohnzimmer sehen und sagen: Gehen wir in die Küche, damit ich rauchen kann? Er wird die Lederjacke an den Stuhl hängen, drei Gauloises rauchen und eine jener ruhmlosen Heldengeschichten erzählen, die enden wie die der ruhmreichen Bürgerrechtler: Es war einmal . . .

Bürgerrechtler ist Jürgen Ehle nie gewesen, obwohl er im Revolutionsherbst 89 mal auf Bärbel Bohleys Couch gesessen hat. Ehle ist der beste Rockgitarrist des Ostens, und seine Band Pankow war DDR-weit ein Ermutigungsorchester, was vor allem an der antiautoritären Kodderschnauze des Sängers André Herzberg lag. Die Ost-Stones Herzberg und Ehle, Brüder im Leder des Widerstands, boten Rock-'n'-Roll-Exempel wahren Lebens im falschen.

Kürzlich wurde Pankow fünfzehn Jahre alt. Das Geburtstagskonzert stieg im rammelvollen Tränenpalast am Bahnhof Friedrichstraße. Es strömten Schweiß und Bier, mild spähte der Genosse Fliegerkosmonaut Siegmund Jähn aus dem Original-Grenzübergangsdekor. Herzberg schnodderte wie damals "Aufruhr in den Augen", Ehle klampfte ihm das Hendrix-Intro von "All Along The Watchtower", da hält Herzberg plötzlich inne und erklärt, jetzt sei endlich dieser Brief von der Gauck-Behörde gekommen mit dem Klarnamen seines IM. Er habe ihn geöffnet und panisch wieder zugeklappt, weil der Gesuchte so nahe war.

Ich will nur sagen, sagt Herzberg nur, daß man sich zu so 'ner Sache verhalten muß.