I.

Die Epochen des Glücks, sagt Hegel, sind in der Weltgeschichte leere Blätter. Wer wollte bezweifeln, daß dies zumindest für unser Jahrhundert gilt?

In der Rückschau wird dessen erstes Dezennium als die "gute, alte Zeit" verklärt. In Wahrheit aber lag es schon ganz im Schatten kommender Krisen und Kriege. Die Jahre 1914 bis 1989 standen dann ununterbrochen im Zeichen von Konflikt und Konfrontation, von Mord, Massaker und Massenvernichtung. Doch auch nach dem Ende des fünfundsiebzigjährigen Bürgerkrieges der zivilisierten Welt herrscht keineswegs eitel Friede. Ein Glücksempfinden will sich nicht einstellen. Im Gegenteil: Das Jahrhundert endet in Verworrenheit und Verdrießlichkeit.

Siege sind auch keine Lösungen - die Erkenntnis schockiert. Eine neue Weltordnung, nach dem Zusammenbruch des Kommunismus von allen erhofft, will sich nicht einstellen. Zugleich aber ist das kapitalistische Wirtschaftssystem, das sich 1989/90 zum Sieger der Geschichte erklärte, ausgerechnet durch seine beiden fundamentalen Antriebskräfte - die unaufhaltsame Ausbreitung rund um den Erdball und den rasanten Fortschritt der Technik - in eine tiefe Krise gestoßen worden.

II.

Václav Havel hat recht: "Wir leben in einer Welt, in der alles möglich ist und nichts gewiß." In den viereinhalb Jahrzehnten des Kalten Krieges war es genau umgekehrt: Da schien nichts möglich, aber alles gewiß. Der Fluß der Historie wirkte wie eingefroren. Nun jedoch sind die Dinge fast heillos ins Treiben geraten. Wo findet der Zeitgenosse Halt und Rückhalt? Was ihn verwirrt und irritiert beim Blick auf die heutige Welt, ist die Gegenläufigkeit der dominierenden Kräfte.