Seit vielen Jahren starre ich, die Augen sperrangelweit offen, immer wieder auf dieselbe Silvestereinlage des Fernsehens. Es ist die bekannte englische Geschichte, der Sketch von dem Diener und seiner Herrin, die zusammen vereinsamt sind: "Dinner for One".

Die alte Herrin hat wenigstens im Kopf noch einige Freunde parat, die leider in Wirklichkeit nicht mehr existieren. So verwendet sie ihren Diener, um den freundlichen Wahn vom Weiterleben der Toten zu realisieren: Der Alte muß den sichtlich nicht Vorhandenen servieren und in ihren Namen Drinks zu sich nehmen.

Auf diese Weise berauscht er sich, und sturzbetrunken gerät er, seiner Pflicht obliegend, ins Stolpern. Der Diener begleitet seine Mühe, sich einerseits korrekt zu verhalten und dabei andererseits dem Alkohol zuzusprechen, mit der bangen, der Antwort stets gewissen Frage: "The same procedure as every year?"

Diese Frage - es ist mir peinlich - endet im Sketch, wenn ich es recht verstehe, in einer Anzüglichkeit: Dieselbe Prozedur in all den Jahren wird Herrin und Diener auch dieses Mal im Schlafgemach vereinen.

Ich gebe zu, daß ich mir das früher in der Meinung angeschaut habe, es wäre lustig. Was sollte auch eine Tragödie kurz vor zwölf zu Silvester? So bin ich dem Skript der Fernsehleute auf den Leim gegangen, die an solchen Feiertagen niemandes Laune verderben wollen, die aber - wie auch sonst - nicht wissen, was sie tun.

Gewiß, der Sketch spielt virtuos und heiter mit den Möglichkeiten einer Klassengesellschaft: Es wird bis zum letzten in der (simulierten) Öffentlichkeit auf die Einhaltung der Standesunterschiede geachtet, so daß sie schließlich in der Intimität keine Rolle mehr zu spielen brauchen.