Wolfgang Kraushaar hat mit seiner Protest-Chronik, gestützt auf Jan Philipp Reemtsma und das Team des Hamburger Instituts für Sozialforschung, die Perspektive der bundesrepublikanischen Zeitgeschichte erweitern können. Ein Kompendium ist entstanden, in Jahreszahlen gefaßt, aber im Wiedererkennen von Bewegungen und Personen gelesen, gibt es ein Strickmuster der zweiten deutschen Republik. Durch deren Maschen sind Verbesserungsvorschläge gefallen, aber auch schlechthin Unpraktikables, vor allem Unerwünschtes und als systemwidrig Abgestempeltes. Die "Ära Adenauer" restaurierte die Staatsmacht auf Kosten bürgerlicher Beweglichkeit.

Protest ist immer momentan, ob er nun individuelle Umstände ans Licht bringt, um sie zu ändern, oder für große Ideen eingelegt wird wie Freiheit und Gerechtigkeit. Wer für etwas zeugt oder gegen etwas Widerspruch erhebt, will gehört, gesehen, verstanden werden, auch wenn er aufsteht, die Tür hinter sich zuschlägt und eine andere Flagge zeigt. Protest unterbricht die Tagesordnung, ändert sie vielleicht, setzt ein anderes Thema ein und neue Prioritäten; aber "die Ordnung" ist ein Zeichensystem und bricht nicht schon deshalb zusammen, weil die Zeichen "der Zeit" sich ändern.

Das erleichtert den Besitzern und Besatzern sozialer Ordnungen - Klerikern, Managern, Funktionären -, Protestierenden den Zeithahn abzudrehen. Ordnung heißt Reihenfolge, Regel, in einem Raum Zeit einteilen und verursacht immer Konflikte. Kraushaar unterstreicht, daß die lineare Vorstellung von Geschichte, die sich in der Demokratie an Wahlperioden festmacht, auch deren Einrichtungen begünstigt: "Die Geschichte der Bundesrepublik wird fast ausnahmslos in einer reduzierten Weise dargestellt, in der gesellschaftliche Konflikte kaum anders denn als Epiphänomene des Staatswesens in Erscheinung treten können. Auf ein dürres Skelett von Parteien und Parlamenten, Staat und Regierungen, Kirchen und Verbänden reduziert, bleibt die sozioökonomische Dynamik, die ja nur zu oft zu unübersehbaren Krisen geführt hat, weitgehend unterbelichtet. Diese überaus restringierte Sichtweise in der Zeitgeschichtsschreibung entspricht in mancher Hinsicht dem autoritär-repräsentativen Politikverständnis . . . Nur aus dem Spannungsverhältnis zwischen Politik und Protest ist ein Verständnis dessen zu gewinnen, worum es in der vorliegenden Chronik geht . . . Protest entsteht aus den Widersprüchen des politischen Systems und wirkt, ob beabsichtigt oder nicht, auf dieses wieder ein."

Die Journalistin Margret Boveri hat schon vor Gründung der Bundesrepublik gemeint, wenn wir anhaltend protestiert hätten, wäre die Gründung zweier Staaten in Deutschland zu vermeiden gewesen. Richtig oder falsch: In den vier Jahren zwischen 1945 und 1949 hatten die Deutschen andere Sorgen. Das Thema war zu groß für die Geschlagenen. Hunger ist ein schlechter Theoretiker, und den Lizenzzeitungen und Zeitschriften, die das Hin und Her abwogen, oder den kleinen Zirkeln, die es öffentlich diskutierten, wie 1947 die Aktionsgruppe Heidelberg, fehlte die Glaubwürdigkeit gegenüber den Machthabern. David und Goliath ist eine hübsche Legende. Als die amerikanisch lizensierte Zeitschrift "Der Ruf" gegen Vorgänge in der sowjetischen Zone protestierte, setzten die Amerikaner den Herausgebern die Stühle vor die Tür.

Kraushaar tat also gut daran, seine Chronik des Protests mit 1949 beginnen zu lassen. Protest muß ein Thema haben und das Thema ein Publikum. Die Deutschen in West und Ost hatten aber aus historischen, soziologischen Ursachen keine gleichen Rahmenbedingungen, erst recht nicht, seitdem die Alliierten 1948 zuerst den Presseaustausch zwischen den westlichen Besatzungszonen und der sowjetischen unterbunden und dann die Währungen geteilt hatten.

Das vom Autor kritisierte "autoritär-repräsentative Politikverständnis" der Bundesrepublik wurzelt nach Weimarer Erfahrungen in nicht unberechtigten Ängsten vor plebiszitären Bewegungen von links bis rechts. Schließlich war eine halbe Million Soldaten der Waffen-SS übriggeblieben. Das ethnozentrische "völkische" Potential ist bis heute nicht ausgestorben. Es wird sogar im Staatsbürgerrecht gepflegt. Im Schatten der Entnazifizierung gewannen ehemalige Nationalsozialisten wichtige Positionen zurück. Die Gleichsetzung von Faschismus, Nazismus und Kapitalismus im linken Protest hat die Szene mehr vernebelt als aufgeklärt, und dies schon in den fünfziger Jahren, nicht erst im Gefolge von 1968, dessen Einmaligkeitsmythos Kraushaars Chronik zu Recht auflöst. Dorthin wird wohl der vierte Band führen.