Die Beatles, die Rolling Stones, die Kinks, Chuck Berry, Nirvana - vier junge Leute umlagern eine besondere Art von Musicbox. Zu den Klängen zeigt ein Bildschirm die entsprechenden Interpreten und jeweils zwei weitere Musiker, von denen sie beeinflußt wurden. Kleine Stammbäume der verschiedenen Stile lassen sich so verdeutlichen. Doch die Fingerfertigkeit der vier Jugendlichen sorgt dafür, daß kein Stück die Eingangsstrophe überlebt. Was bleibt, ist der Wiedererkennungseffekt: ein paar Jahrzehnte in Sekundenhäppchen. Wir befinden uns in Cleveland, im Eingangsbereich der Rock 'n' Roll Hall of Fame and Museum.

Das Konzept einer Rock 'n' Roll Hall of Fame geht zurück ins Jahr 1983. Einige gewichtige Herrschaften aus der Musikindustrie hatten die Idee, daß es an der Zeit sei, "die Menschen zu ehren, welche die populärste Musik aller Zeiten geschaffen haben". Drei Jahre später schon gestaltete sich die Ehrung zu einem Ereignis. Im Rahmen einer Zeremonie werden seit 1986 Persönlichkeiten in die Hall of Fame aufgenommen, die den Rock 'n' Roll geprägt haben: Talentsucher und Radio-DJs, Plattenbosse und Studiotechniker. Und natürlich Musiker - und einige Musikerinnen - aus der Geschichte und Vorgeschichte der Rockmusik. Voraussetzung: Ihre erste Schallplatte müssen sie vor mindestens 25 Jahren aufgenommen haben. Schnell gewann die Idee Freunde. Noch bevor im Januar 1986 die erste Aufnahmezeremonie in die imaginäre Ruhmeshalle der Rockmusik vollzogen war, lagen die ersten Pläne vor, ihr einen realen Raum zu schaffen und ihn mit einem Museum zu verbinden.

Zehn Jahre später steht in Cleveland, am Rande des Eriesees, ein etwa fünfzig Meter hoher, merkwürdig verschachtelter Neubau mit zweifach verschobener Glaspyramide über dem Eingangsbereich, einem Turm mit quadratischer Grundfläche und einigen trapezförmigen und runden Auswüchsen, in dem auf über 4500 Quadratmeter Fläche die Ausstellungen des Rock-'n'-Roll-Museums ihren Platz finden sowie ein Café, ein Museumsshop, ein Kinoraum mit 200 Sitzplätzen und die Büros. Für das geplante wissenschaftlich nutzbare Archiv und die Bibliothek wird der Platz nach einem Jahr Museumsbetrieb schon wieder knapp. 92 Millionen Dollar wurden nach Plänen des Stararchitekten I. M. Pei verbaut, um dem Rock 'n' Roll ein standesgemäßes Zuhause zu schaffen.

Die Stadtväter von Cleveland hatten sich sehr angestrengt, das Museum zu bekommen. Nach dem Niedergang der Stahlindustrie sollte die Rock 'n' Roll Hall of Fame mithelfen, ein neues Image als aufstrebende postindustrielle Metropole zu begründen. Standortvorteil Rock 'n' Roll. Die Stadt und der Staat Ohio steuerten den Löwenanteil zu den Entwicklungskosten bei, private Spender und die großen Plattenfirmen stopften die Finanzlücken. Schließlich gibt es auch eine inhaltliche Verbindung der Stadt zur Geschichte der Rockmusik. In den fünfziger Jahren arbeitete hier der Radio-DJ Alan Freed, ein Hall-of-Fame-Berufener der ersten Stunde, dem die Erfindung des Begriffs "Rock 'n' Roll" zugeschrieben wird, bevor ihn seine eigene Popberühmtheit nach New York zog.

Nun tummeln sich die Besucherscharen im Untergeschoß des Pei-Baus, wo der größte Teil der Museumsausstellung aufgebaut ist, und bisher scheinen die Rechnungen aufzugehen. Im ersten Betriebsjahr wurde das Plansoll von einer Million Besuchern erfüllt, mehr als die Hälfte kam von außerhalb des Staates Ohio. In Stimmung gebracht durch die rasanten Bildschnitte der beiden ins Thema führenden Videofilme, in denen Rockstars aller Altersklassen einen Merksatz über das Wesen der Rockmusik ins Auditorium werfen, umlagern sie die Geräte, die ihnen die Wahl lassen zwischen fünfhundert verschiedenen Titeln aus siebzig Jahren Aufzeichnungsgeschichte - der Soundtrack der Jugend für jede Altersklasse auf Abruf. Vor allem für die Klasse "über dreißig", zu der zwei Drittel der Besucher zählen. Paarweise stehen die Besucher vor ihren Touch-screen-Wahlscheiben, Kopfhörer über den Ohren, die Hinterteile schwingen in den verschiedenen Taktfrequenzen.

Ein paar Ecken tiefer im Ausstellungslabyrinth dominiert die Ausstattung: Bühnenkostüme im Original, John Lennons Sergeant-Pepper-Uniform, Elvis Presleys schwarzlederner Comeback-Anzug, Tina Turners Acid-Queen-Kostüm, sieben verschiedene Dienstbekleidungen von Mick Jagger. Oder Gitarren, akustische, halbakustische, elektrische, dazu Veranstaltungsplakate, Songmanuskripte, persönliche Dokumente und Erinnerungsstücke. Zusammenhang in dieser Flut der Exponate schaffen thematische Blöcke, lokalen Szenen in bestimmten Städten oder besonders herausgehobenen Bands zugeordnet. Mainstream regiert. Stile, die weniger umsatzverdächtig oder gar jünger sind, haben es schwer. Während Madonna und Michael Jackson noch mit eigenen Schaukästen vertreten sind, werden Punk und HipHop beiläufig abgefertigt.