Diesen Herbst geschah ein Kollektivmord. Julia aus der Lindenstraße wurde gemeuchelt! Offiziell starb das Mädchen an Tollwut, aber das ist nicht die Wahrheit. Internet-Nutzer wissen es besser: Hunderte von "Lindenstraßen"-Fans haben seit Monaten per Computer Julias Tod gefordert. Kaltblütig hämmerten sie Mordaufträge in die E-Mail-Seite der offiziellen "Lindenstraßen"-Homepage im Netz . "Bringt sie um, die blöde Kuh!" hieß es da und: "Der grausamste Tod ist grade gut genug für die dumme Nuß!"

Jetzt haben sie ihren Willen, die Killerfans. Die Drehbuchautoren der TV-Serie haben den Mordauftrag ausgeführt. Was folgte, waren Gewissensbisse und blutrünstige Hochgefühle. "Jaahaaahaa, endlich geschafft!" jubelt Olav aus Gelsenkirchen. Eine Ingrid kontert: "Ich kann es nicht fassen, daß Ihr Schweine Julia umgebracht habt!" Die Uni Bayreuth schickt ein schluchzendes "Das wollten wir nicht!".

Alles zu spät - viele haben Blut geleckt. "Jetzt bringt noch Dressler um! Am besten, jemand montiert seinen Treppenlift zum elektrischen Stuhl um", ereifert sich ein Anonymer. Der Produzent und Erfinder Hans W. Geißendörfer greift panisch selbst zur Tastatur. "Julia mußte nicht sterben, weil ein paar Julia-Hasser das wollten!" schreibt er, Einhalt gebietend. "Unsere Geschichten sind auch weiterhin autark!"

Daß Zuschauer an den Handlungsfäden ihrer Lieblingssendung mitspinnen, ist nicht neu. In den achtziger Jahren ließ das Fan-Volk in den USA die Muskeln spielen: Als in der Kultserie "Dallas" der allseits geliebte Bobby Ewing sterben mußte, ergoß sich eine Flut von Beschwerdebriefen über die Produzenten, und sie ließen Bobby auferstehen. Der erste Schritt zur interaktiven Soap.

Dann kam das Netz, und die Amerikaner wollten es wissen: Wieviel Einflußnahme wünscht der Fan? 1995 wurde "The Spot" geboren, die erste Internet-Soap (siehe den Artikel "Seifenopern im Internet I: Erfolg in den USA" ). Am Ende jeder Folge gibt es dort den "Cliffhanger", die Gefühle der Fans am Terminal rotieren, die Autoren sammeln alle Vorschläge und verarbeiten sie in der nächsten Folge. So weit, so interaktiv, auch wenn "The Spot" nur von Menschen geschaut (oder besser gespielt) werden kann, die genug Zeit haben. Die Serie verursacht am simplen Heim-PC peinigende Ladezeiten und ist komplizierter als Schach und Fantasy-Rollenspiel zusammen. Nichts für den geruhsamen "Lindenstraßen"-Fan.

Dann doch lieber die "Heldenfußallee" in ihrer berückenden Schlichtheit. Es handelt sich um die erste deutsche Cyber-Soap , seit Oktober im Netz. Klicken wir in ihre Anfänge, so lesen wir, daß die Heldin Debbie in einer Videothek arbeitet, wo sie erfährt, daß "im Park etwas Schreckliches geschehen ist". Klicken wir weiter in den Park und lesen wir, daß "ein toter Mann da liegt". Klicken wir in die Villa neben dem Park und lesen, daß dort "die Lady" wohnt und "zwischen den Gardinen rausspäht". Wir können der spähenden Lady an dieser Stelle einen Brief mailen, was lustig ist: Den können alle weiteren Lady-Besucher auch lesen.