Berlin habe ich mir als riesige Baustelle vorgestellt, wo man auf dem Kurfürstendamm von ausländischen Gaunern bei Hütchenspielen beschupst wird, am Prenzlauer Berg als schlipstragender Hetero unangenehm auffällt, wo die Gastronomie aus tausend und einer Szenekneipe der unterschiedlichsten Folklore besteht und die wenigen Feinschmeckerlokale erst abends aufmachen wie in der Provinz. Was soll ich sagen - genauso ist es. Es sind auch dieselben Lokale wie damals vor fünf Jahren, in denen die Servietten kunstvoll gedrechselt neben zwei Bestecken und zwei dünnwandigen Gläsern auf den Tischen stehen. Dieses Arrangement - auch daran hat sich nichts geändert - ist für viele Berliner nichts als "Anspruchsterror" und ein Grund, auf der Stelle kehrtzumachen. Gastronomisch gesehen liegt Berlin nach wie vor jenseits des Limes, auch das eine preußische Tradition.

Nun hat die Zahl der Gschaftlhuber mit dem Handy in der Jackentasche stark zugenommen, welche ihren Tag mit einem Geschäftsessen beginnen. Für sie haben die neuen Hotels der neuen Metropole ihre Restaurants bereits um 12 Uhr geöffnet, wenn auch, meistens, mit einer kleineren Speisekarte als abends.

Man kann natürlich auch in eine Brasserie gehen.

In Berlin gibt es zwei, die sich sehr ähnlich sind, die "Paris Bar" und "Borchardt". Die "Paris Bar" gibt es schon ewig, auch bemüht sie sich, ein Bistro zu sein. "Borchardt" ist neu. Das Bistro liegt im Westen, das andere Etablissement in der Mitte, worunter man das künftige Zentrum am Gendarmenmarkt zu verstehen hat - also der ehemalige Osten (ohne diesen geographisch-politischen Begriff kommt man in Berlin nicht über die Runden). Ihre Ähnlichkeit besteht in der Form der Unternehmen (hie Brasserie, hie Bistro) und im Publikum. In der "Paris Bar" drängen sich die Culturi, wie Anno "Simpl" in Schwabing. Im "Borchardt" ist es weniger eng, aber auch hier Etablierte, verstärkt durch Botschaftsangehörige, insgesamt aber weniger Jeans. Und in beiden kann man Austern essen. Doch damit endet die Ähnlichkeit.

"Borchardt". Was hier alt aussieht, ist echt. Das Jugendstilmosaik an der Wand, die Säulen mit dem falschen Marmor und die erstaunlich gut erhaltenen Bodenfliesen. Zu Kaisers Zeiten befand sich hier ein Delikateßladen, später ein Speiselokal, Spezialität Eisbein und Erbspüree, vermute ich. Davon ist nichts übriggeblieben. Im "Borchardt" kochen sie ein wenig französisch, ein wenig österreichisch, natürlich italienisch, aber auch exotisch. Und sie kochen es für eine Brasserie erstaunlich gut! Die Mittagskarte ist kleiner, aber die niedlichen Semmelknödel waren umringt von gut gewürzten, frischen Champignons, auch der gefüllte vegetarische Kohlrabi war frisch und schmeckte hervorragend. Zu den Standardgerichten gehört eine gut gewürzte Lauch-Kartoffelsuppe mit verschiedenen Einlagen (Räucheraal oder Fischbacken oder Pfifferlinge, 12,50 DM), was intelligent ist; denn solche Suppen sind einfach herzustellen und schmecken gut. Doch gut schmeckt hier alles. Ein Loup de mer (41,- DM): frisch und perfekt, Gnocchi in Salbeibutter (11,50 DM) ersparen den Gang zum Italiener, ein Polynesisches Schmorhuhn mit Ingwerlauch in einem exotisch-scharfen Schlamm (29,50 DM) war nicht trocken und nicht zäh, sondern von originellem Wohlgeschmack. Auch die Desserts (von 12,- bis 16,50 DM) sind selbstgemacht und tadellos, lediglich eine Pflaumentorte zeugte vom gescheiterten Versuch des Bäckers, Mürbeteig ohne Butter herzustellen.

Bei diesem für eine Brasserie ungewöhnlichen Qualitätsstreben überrascht es nicht, eine geradezu wunderbare Weinkarte vorzufinden. Ein 1995er Sémillon Chardonnay aus Australien für 33,- Mark darf als Geschenk an den Gast betrachtet werden; wer sich nichts schenken lassen will, kann den aufmerksamen Wirt Roland Mary um Château Palmer, Montrose und Mouton-Rothschild erleichtern, zu Preisen zwischen 193,- und 285,- DM.