Mein Job ist vielseitig und verantwortungsvoll. Ich bin sozusagen in leitender Position im Baugewerbe tätig. Die Baustelle ist etwas ungewöhnlich: ein heranwachsender Embryo. Meine Kommandos helfen beim Aufbau von Nervensystem, Gliedmaßen und Organen - ich bin ein Signalprotein, also ein Molekül, das den Zellen sagt, was sie tun sollen. Mein Name Sonic Hedgehog heißt soviel wie "schallender Igel", doch dazu später. Entwicklungsbiologen bin ich seit drei bis vier Jahren ein Begriff. Seitdem können sie Fragen beantworten wie: "Warum ist der Daumen der rechten Hand links?" Weil ich, Sonic Hedgehog, während der Entwicklung der Finger die entsprechenden Anweisungen gebe.

Das ist natürlich nur eine halbe Antwort. Denn wie die Zellen diese Signale wahrnehmen können, war bisher unklar. Schließlich hilft das beste Kommando auf der Baustelle nichts, wenn niemand die Sprache versteht. Jetzt aber haben Wissenschaftler den Signalempfänger auf der Oberfläche der Zellen ausfindig gemacht. Wegen einer anderen Angelegenheit war ich zuvor schon im Oktober in den Schlagzeilen. Philip Beachy und Kollegen entdeckten an der Johns Hopkins School of Medicine im amerikanischen Baltimore, daß ich nur mit genügend Cholesterin richtig arbeiten kann. Wodurch sich die Kommentatorin der Fachzeitschrift Science zu der Überschrift "Reicht die Butter rüber!" hinreißen ließ: Sollte das in Verruf geratene Cholesterin auch gute Seiten haben?

Die ersten Anzeichen meiner Existenz reichen bis in die sechziger Jahre zurück, als John Saunders an der Marquette University in Milwaukee die Entwicklung von Hühnerembryos untersuchte. Vogel, Fisch, Maus und Mensch unterscheiden sich in ihren frühen Stadien kaum. Deshalb kann man durch einen Blick ins Hühnerei einiges über die menschliche Entwicklung lernen. Saunders entdeckte ein Organisationszentrum in den Arm- und Beinknospen des Hühnerembryos. Verpflanzte er dieses, regte es an anderer Stelle nicht nur das Wachstum neuer Finger beziehungsweise der entsprechenden drei Flügelglieder beim Huhn an. Es bestimmte auch deren Reihenfolge. In unmittelbarer Nähe der Zone entstand stets der Ringfinger, weiter entfernt der Mittelfinger und schließlich der Zeigefinger. Der britische Embryologe Lewis Wolpert lieferte eine theoretische Erklärung: Die Zellen des Organisationszentrums scheiden ein Signalmolekül aus, dessen Konzentration mit der Entfernung abnimmt. Je nach Konzentration bilden sich die verschiedenen Finger.

Dasselbe Prinzip entdeckten Tom Jessell und Jane Dodd von der Columbia University in New York später im Rückenmark. Auch dort fanden sie ein Organisationszentrum, das offenbar Kommandomoleküle aussandte. Auch dort bildeten sich verschiedene Strukturen, je nach Lautstärke des Kommandos. Daß es sich jeweils um mich, Sonic Hedgehog, handelte, wußten sie nicht.

Unterdessen hatten Christiane Nuesslein-Volhard und Erich Wieschaus in Heidelberg Mutanten der Fruchtfliege Drosophila gesammelt. Sie stießen dabei auf eine Fliegenlarve, die über und über mit Haaren bedeckt war. Der borstigen Fliege fehlte ein Signalprotein, das sie passenderweise Hedgehog nannten, englisch für Igel. Fruchtfliege und Wirbeltiere wie Huhn, Fisch, Maus und Mensch haben mehr gemeinsam, als es zunächst den Anschein hat - zum Beispiel gleichen sich die Signalproteine. Der Brite Andy McMahon fand 1992 in der Maus eine Variante des Fliegenproteins Hedgehog, die er nach dem Wüstenigel Desert Hedgehog nannte. Bald wurden weitere Hedgehog-Versionen entdeckt, wie Indian Hedgehog und schließlich auch ich. Bob Riddle, ein Wissenschaftler im Labor von Cliff Tabin an der Harvard Medical School in Boston, fand es zu langweilig, mir einen weiteren zoologischen Igel-Namen zu geben - eigentlich wäre der gemeine europäische Igel drangewesen. Er nannte mich nach dem Computerspiel- und Comic-Helden Sonic the Hedgehog, einer blauen Figur mit Igelborsten. Außerdem wird in Tabins Labor stets so laute Musik gehört, daß das Adjektiv "schallend" passend erschien.

Mit mir, Sonic Hedgehog, war endlich das lang gesuchte Signalmolekül für die Anordnung der Finger und des Rückenmarks gefunden. Ich bin aber auch an der Entwicklung von Lunge, Darm, Zähnen, Augen und Muskeln beteiligt, und zwar in sämtlichen Wirbeltieren. Darüber hinaus signalisiere ich den Organen, auf welcher Körperseite sie sich ansiedeln sollen. Das Herz links, die Leber rechts und so weiter. Diese Eigenschaft konnte Cliff Tabin bisher allerdings nur im Huhn nachweisen. Indian Hedgehog ist für die Knochen- und Knorpelbildung, Desert Hedgehog für die Entwicklung der Hoden zuständig. Die Hedgehogs sind nicht die einzige Familie von Signalproteinen in Wirbeltieren. Aber immerhin gehören wir zu den einflußreichsten.