Harry Zink ist stocksauer, und das schon seit sechs Monaten. Galt seine Lieblingsfigur Tara in der täglichen Cyber-Soap-opera "The Spot" zuerst lediglich als vermißt, so verschwand die junge Frau schließlich ganz aus der Geschichte: Die Autoren machten sie zum Opfer eines Mordes. Für Zink eine unannehmbare Wendung der Handlung, die er nicht unkommentiert lassen konnte. Hunderte bitterböser Nachrichten hat er bis heute in das Chatforum von "The Spot" eingespeist, wo sich Produzenten, Darsteller und Fans treffen, um die Fortsetzung der Serie zu diskutieren.

Doch Zinks Proteste haben keinen Erfolg; selbst sein Boykott fruchtet nicht. Denn der Mord an Tara ist ein Freitod - Taras Darstellerin Laurie Plaksin hat die Rolle gekündigt, um mit einer eigenen Produktionsfirma neue Cyber-Soaps zu entwickeln. Die kaum anderthalb Jahre alte Idee, Seifenopern auf dem World Wide Web abzuspulen statt wie sonst im Fernsehen, treibt wunderbare Blüten.

Der sechsundzwanzigjährige Zink, der tagsüber als Computernetzberater arbeitet, verbringt "vier bis manchmal acht Stunden pro Tag" online, vorwiegend in den Diskussionsforen rund um Cyber-Soaps. "The Spot" verfolgt er treu, wenn nicht gar süchtig, seit dieses Web-Angebot im Sommer 1995 geschaffen wurde. Die Erlebnisse einer fünfköpfigen Wohngemeinschaft von Twens, festgehalten in Tagebüchern und Schnappschüssen, ziehen außer Zink im Durchschnitt 35 000 Besucher pro Tag an.

Bereits nach drei Monaten Laufzeit erhielt "The Spot" den Web-Oscar "Cool Site Of The Year", und die Kritik bis hin zu Time schwärmte, nun sei eine neue Gattung in der Unterhaltungsindustrie erschaffen: das Cybertainment. Die Besuchertendenz ist auch nach anderthalb Jahren weiter steigend, an Spitzentagen kommen bis zu 120 000 "Spot"-Fans. Die Produktionsfirma American Cybercast hat bereits einen eigenen leistungsfähigen Netz-Server aufgestellt und zwei weitere Soaps gestartet ("Eon-4" und "The Pyramid" ). Sie will die Zahl der Angebote bis Ende 1997 auf ein Dutzend steigern.

Eine oberflächliche Anfrage bei den gängigen Suchdiensten liefert mittlerweile Adressen von rund 200 Cyber-Soaps, die mehr oder minder regelmäßig im Netz auf Sendung sind. Auf viele der Angebote wird man im Storyweb verwiesen, einem Verzeichnis der verschiedensten Erzählangebote im Netz samt Inhaltsangabe und Kritik.

Da findet man Werke von Amateuren des Horrorgenres, aber auch die populärsten kommerziellen Cyber-Soaps, die täglich aktualisiert werden. Sie sind nach dem Muster bewährter Fernseh-Soaps gestrickt. "Ferndale" spielt in einer abgelegenen Klinik und handelt von Gruppentherapie. "475 Madison Avenue" zeigt die Innenwelt einer Werbeagentur. "The East Village" , aufwendig produziert von den elektronischen Abteilungen des Time-Warner-Konzerns, ist eine Geschichte über die selbstverständlich junge und hübsche Schriftstellerin Eve und ihren Freundeskreis in New York.