ZEIT: Die Gewinne der Unternehmen und die Gehälter der Vorstände steigen, aber immer mehr Arbeitnehmer werden entlassen. Welchen Sinn hat das Wirtschaften eigentlich, wenn immer mehr Menschen immer weniger davon haben?

Werner: Die Gewinne steigen in vielen Unternehmen. Aber sie werden immer weniger in Deutschland erwirtschaftet. Die Industrie bringt aus ihren internationalen Aktivitäten viel mehr Profite nach Hause als früher. Gewiß sind die steigenden Arbeitslosenzahlen sehr beunruhigend. In diesem Sinne ist es eine gute Aussage, daß wir 1996 die Wirtschaft konsolidieren konnten. Sie ist stärker geworden, soweit sie internationalisierungsfähig ist.

ZEIT: Wann hört die Loyalität der Bürger auf, weil wegen des internationalen Wettbewerbs die Arbeitslosigkeit fortwährend steigt?

Hengsbach: Wenn diese Legende durchschaut wird. Daß man einzelwirtschaftliche Erfahrungen hochrechnen kann auf die gesamte Wirtschaft, überzeugt immer weniger. Man kann der Bevölkerung nicht mehr sagen: Euer gegenwärtiges Opfer ist der erste Schritt für einen besseren Zustand, den ihr in absehbarer Zeit erreichen werdet.

Henzler: In der Tat stehen wir an einem Wendepunkt. Es hat in der Geschichte selten vierzig Jahre gegeben, in denen alle Produktionsfaktoren in gleichem Maße an der Wertschöpfung beteiligt waren: Die Arbeitnehmereinkommen, die Kapitaleinkünfte und die Unternehmereinkommen sind kontinuierlich gestiegen. Jetzt erleben wir den Übergang zu einer neuen Gesellschaft, in der diese Bedingungen nicht mehr gelten.

Hengsbach: "Jetzt erleben wir", sagen Sie. Wer ist "wir"? Die Europäer sehen, daß die Einkommen in den Vereinigten Staaten höchst ungleich verteilt sind. Diese marktförmige Verteilung gehört zum Stil, zur gesellschaftlichen und ökonomischen Matrix der USA. Die gesellschaftliche Voraussetzung des Wirtschaftens in Europa hat aber etwas mit Demokratie zu tun, auch mit einer demokratieförmigen Verteilung der Einkommen.