Eigentlich war der Reporter der Zeitschrift Science vor einem Jahr wegen einer ganz anderen Geschichte ins Fermilab vor den Toren Chicagos gereist. Am Ende seines Besuches erkundigte sich der Journalist höflich nach weiteren spannenden Themen und erfuhr, eine der Arbeitsgruppen habe eine aufregende Entdeckung gemacht: Als sie am Beschleuniger Tevatron Protonen und Antiprotonen aufeinanderschossen, fanden die Physiker eine unerwartet hohe Zahl von heftigen Kollisionen.

Die Trümmer stoben dabei in einem von einer Milliarde Fällen fast im rechten Winkel davon - "ganz so, als ob Quarks nicht die fundamentalen Partikel seien, sondern eine Art innerer Struktur hätten", wie Fermilab-Forscher William Carithers damals meinte.

Schon war die Sensation perfekt: Die kleinsten, vermeintlich unteilbaren Bausteine der Materie, die sogenannten Quarks, seien vermutlich doch teilbar, gab Science auf einer spektakulären Pressekonferenz bekannt. Weltweit griffen die Medien die aufregende Neuigkeit auf und spekulierten alsbald über eine notwendige "neue Physik".

An der Seriosität der Meldung gab es kaum einen Zweifel: Immerhin ist das Wissenschaftsblatt Science das offizielle Organ der amerikanischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften (AAAS), jene Zeitschrift, die im vergangenen Jahr auch die aufsehenerregende Entdeckung der angeblichen Marsfossilien bekannt gemacht hatte.

Inzwischen ist freilich der Lack ab: Die Teilbarkeit der Quarks hat sich als pure Science-fiction entpuppt. Nicht das Quark-Modell war revisionsbedürftig, sondern die Formeln der Forscher. Denn Befunde in der Elementarteilchenphysik lassen sich nie so einfach deuten, wie es Journalisten gerne hätten. Die Auswertung von zig Millionen Kollisionen setzt komplexe Computerprogramme und einen gewaltigen Formelapparat voraus. Daher hatten die Fermilab-Physiker durchaus mehrere Möglichkeiten in Erwägung gezogen, die unerwarteten Kollisionen zu erklären. Eine zweite Forschergruppe des Fermilab, die am selben Beschleuniger arbeitete, aber durch eine andere Theoriebrille blickte, hatte erst gar keine Anzeichen für teilbare Quarks gefunden. "Aber wenn man Interesse wecken möchte, und es gibt drei prosaische und eine aufregende Erklärung, dann geht man natürlich mehr auf die aufregende Möglichkeit ein", räumt William Carithers heute entschuldigend ein.

Von "neuer Physik" kann jedenfalls keine Rede mehr sein. Damit teilen die spaltbaren Quarks ein ähnliches Schicksal wie die angeblichen Marsfossilien: Mehrere unabhängige Studien legen inzwischen nahe, daß die angeblichen Lebensspuren auf nichtbiologische Ursprünge oder höchst irdische Verunreinigungen zurückgehen könnten.

Die ZEIT hat immer wieder das Loblied auf amerikanische Wissenschaftler angestimmt, die - im Gegensatz zu ihren deutschen Kollegen - die Kunst der Popularisierung perfekt beherrschen. Manchmal, so zeigt sich am Beispiel von Mars und Quarks, hat die deutsche Zurückhaltung jedoch auch ihre Vorzüge. Und von den Amerikanern wünschen wir uns auf den großen Jahrestagungen der AAAS demnächst einen Schwerpunkt: "Wissenschaftliche Sensationen - und was daraus wurde". Aber darauf werden wir wohl lange warten müssen.