Welche Bedeutung kam nach dem Zusammenbruch des "Dritten Reiches" den führenden Nationalsozialisten, den NS-Eliten, zu - vor allem in der Frühphase der Bundesrepublik? Welche Bedrohung ging von ihnen aus? Wie verhielten sich Politik, Behörden und Öffentlichkeit ihnen gegenüber?

Solche Fragen waren über lange Jahre hinweg eher Gegenstand von Gerüchten, Kolportagen und sensationellen Pressemeldungen als von historischer Forschung. Gleichwohl war bei der deutschen Linken die Überzeugung verbreitet, die Bundesrepublik sei durch den weiterbestehenden Einfluß der NS-Eliten außerordentlich belastet gewesen. Auf der anderen Seite wurde und wird die Frage von konservativer Seite kaum am Rande, aber jedenfalls in dem Sinne behandelt, daß die NS-Eliten bereits bei Beginn der Bundesrepublik keine Gefahr mehr gewesen seien.

Wer zu den nationalsozialistischen Eliten zu zählen ist und wer nicht, ist gewiß nicht ganz eindeutig. Als Maßstab für die Beurteilung der Zugehörigkeit zu den NS-Eliten im engeren Sinne soll hier die Nähe zu der und die Verantwortung für die Terror- und Vernichtungspolitik des Regimes gelten, um die neue Elite von den traditionel-len Führungsschichten in Wirtschaft, Verwaltung, Wissenschaft und Militär ebenso abzugrenzen wie von Parteifunktionären in unbedeutenden Positionen. Gemeint sind also die Spitzen des Staats- und Parteiapparates vor allem die Angehörigen der Führungsebenen in den Sonderbehörden, Gauleitungen und in der Parteiorganisation sowie jene Männer, die in der SS, im Reichssicherheitshauptamt, im Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt, bei Sicherheitspolizei und Einsatzgruppen sowie bei den deutschen Besatzungsbehörden in den besetzten Ländern vor allem des Ostens führende Positionen eingenommen hatten.

Betrachtet man die Tage und Wochen des unmittelbaren Kriegsendes, so bedeuten sie für die NS-Eliten zweifellos die einschneidendste Markierung. Ein offenbar nicht unerheblicher, aber nicht genau zu bemessender Teil starb kurz vor oder nach dem Einmarsch der Alliierten durch Selbstmord, darunter überproportional viele Gauleiter.

Eine zweite, ebenfalls nicht kleine Gruppe befand sich bei Kriegsende im Einflußbereich der Roten Armee und wurde dort abgeurteilt und hingerichtet.

Eine dritte Gruppe, bei weitem nicht die größte, emigrierte. Über sie sind wir mittlerweile relativ gut informiert. Eine vierte Gruppe tauchte unter, wobei dies offenbar vor allem jenen gelang, deren Namen und Funktionen innerhalb des NS-Regimes den Alliierten und der deutschen Öffentlichkeit bei Kriegsende nicht recht bekannt waren.

Die fünfte Gruppe, um die es im Folgenden geht, war zweifellos die größte und auch bedeutendste. Drei Skizzen typischer Lebensläufe mögen illustrieren, um wen es hierbei geht: