Fünf Jahre sind eine lange Zeit. Doch Lutz Wicke, bis 1991 wissenschaftlicher Direktor im Umweltbundesamt (UBA), danach als CDU-Mann Staatssekretär im Berliner Senat und heute Direktor des Instituts für Umweltmanagement, kennt die Szene um das UBA immer noch sehr genau. Die jüngsten Behauptungen und Dementis über die angebliche Gängelei der wissenschaftlichen Behörde durch das vorgesetzte Bonner Umweltministerium drücken für ihn vor allem eines aus: "Den Frust der gesamten Umweltgemeinde darüber, daß in der Umweltpolitik nur noch wenig läuft."

Das hat freilich auch die Bonner Umweltministerin Angela Merkel schon mehrfach bedauert. Doch hätte ihr parlamentarischer Gegenspieler Michael Müller, umweltpolitischer Sprecher der Bonner SPD-Fraktion, mit seinen Vorwürfen recht, dann hätte die CDU-Politikerin den Beweis dafür geliefert, daß sie auch noch ihre letzten Bataillone selbst vergrätzt. Ihr Amtsvorgänger Klaus Töpfer nutzte öffentliche Kritik, auch solche aus dem UBA, geschickt dazu, im Bonner Kabinett Rückenwind für seine Vorhaben zu erzeugen.

Den Stein ins Rollen brachte Müller mit der Behauptung, Frau Merkel führe schwarze Listen über allzu kritische UBA-Mitarbeiter und habe den Wissenschaftlern einen Maulkorb verpaßt - was die Ministerin prompt als "wahrheitswidrig" zurückwies. Beweisen läßt sich die Existenz einer solchen Liste nicht sollte es sie je gegeben haben, sagt der UBA-Personalratsvorsitzende Johannes-Heinrich Vogeler, dann "existiert sie jetzt nur noch in den Köpfen".

Offenbar vor allem im Kopf des in Bonn für die UBA-Aufsicht zuständigen Staatssekretärs Erhard Jauck. Der soll nämlich schon im Herbst vergangenen Jahres bei einem Besuch in Berlin in kleinerem Kreis einige UBA-Mitarbeiter als "Freigänger" bezeichnet haben - worüber einer der Anwesenden ein Protokoll anfertigte. Nicht auf die Ministerin selbst, sondern vor allem auf ihren "Mann fürs Grobe" sind die UBA-Mitarbeiter denn auch sauer. Jauck begründet seine Klage mit dem Argument, gerade in schwierigen Zeiten müßten die Streiter für den Umweltschutz besonders eng zusammenstehen: "Wie eine Phalanx", so der Staatssekretär - als ob die "Freigänger" sich nicht für mehr, sondern für weniger Umweltschutz ins Zeug legten.

Die Berliner Behörde leidet unter einem Dilemma. Laut Errichtungsgesetz ist sie zur "wissenschaftlichen Unterstützung" des Umweltministers verpflichtet, aber auch zur "Aufklärung der Öffentlichkeit in Umweltfragen". Anscheinend hat sie ihren Aufklärungsauftrag zu ernst genommen - und ist deshalb beim Aufseher in Ungnade gefallen.

In der Tat arbeiten im UBA viele engagierte Umweltschützer, die aus ihren Erkenntnissen kein Geheimnis machen. Sie lehnten beispielsweise den von Bonn geförderten Transrapid ab und hielten der Regierung vor, sie unternehme zu wenig beim Klimaschutz. Andreas Troge, der vormals in Diensten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) stehende Präsident des UBA, kennt das Dilemma, sagt aber: "Wir müssen unsere Forschungsergebnisse veröffentlichen."

Zwar gab es schon immer Konflikte zwischen dem UBA und dem zuständigen Umweltminister. Aber die jüngeren Attacken auf die ökologische Denkfabrik in Berlin passen gut in die allgemeine Stimmungslage der Nation. Umweltschutz, in der Wertschätzung der Bevölkerung jahrelang Spitzenthema, ist laut Meinungsumfragen mittlerweile auf Rang zehn der politisch wichtigen Fragen abgerutscht. Der niedersächsische CDU-Chef Christian Wulff forderte im vergangenen Sommer, das UBA gleich ganz abzuschaffen, um mit den gesparten Kosten Steuersenkungen zu finanzieren. Frau Merkel schwieg dazu.