ZEIT: Viele Franzosen sahen in Ihrem Bericht über die Lage des Bildungswesens einen schrillen Alarmruf. War dieser Alarm nötig?

Roger Fauroux: Die Lage im Bildungsbereich wird immer beängstigender.

Die Schule hat zunehmend weniger Einfluß auf unsere Kinder und Jugendlichen. Es fällt zusehends schwerer, Wissen zu vermitteln.

Nicht etwa, weil die heutigen Kinder intellektuell nicht mehr in der Lage wären, Wissen aufzunehmen, sondern weil sie es nicht mehr wollen. Wir stellen eine wachsende Abneigung gegen die Schule fest, und zwar ganz besonders in Problemgebieten. Deren Zahl wächst, die Lage dort wird gespannter. Es gibt inzwischen mitten in Frankreich Vorstädte ohne Gesetz, ohne Kultur und ohne Bildung.

Folge davon ist, daß der soziale Fahrstuhl nicht länger funktioniert.

Seit einem Jahrhundert besteht die Hauptaufgabe der Schule der Republik darin, aus jungen Menschen aller Schichten, aus kleinen Korsen oder Bretonen gebildete französische "Citoyens" zu machen.

Auf diese Weise soll Chancengleichheit hergestellt werden. Genau das funktioniert heute nicht mehr. Bürgereltern haben in der Regel Bürgerkinder, Arbeitereltern Arbeiterkinder, und Arbeitsloseneltern haben arbeitslose Kinder. Das Prinzip der Chancengleichheit und der "gleichen Bildung für alle" wird also mehr und mehr verletzt - und die Schüler merken und wissen es. Als ich für meinen Bericht Kinder nach ihren Zukunftsaussichten fragte, bekam ich erschreckend oft zur Antwort: "Ich habe keine Zukunft." Darin besteht in meinen Augen das große Scheitern unserer Schule.