Laute Worte sind eigentlich nicht sein Stil. Der feingliedrige, altersstrenge Patriarch der serbischen orthodoxen Kirche schätzt den getragenen Ausdruck und das gesetzte Gespräch, bei dem er die Arme kaum merklich anhebt. Doch kurz vor dem orthodoxen Weihnachtsfest hat er eine Erklärung des Heiligen Synods abgesegnet, aus welcher der heilige Zorn des Patriarchen über die Mächtigen in Serbien spricht: "Der Heilige Synod verurteilt das Regime, das sich nicht nur gegen das Volk gestellt, sondern auch unsere glorreiche wie schwierige Geschichte beschmutzt hat. Das Regime hat die Nation und den Staat an den Rand des Niedergangs gebracht, unser Volk in Armut gezwungen und Serbien der ganzen Welt zum Feind gemacht."

Während der siebenwöchigen Proteste gegen die Manipulation der Kommunalwahlen vom 17. November durch die Regierung Milosevic hatte der Patriarch lange geschwiegen. Nun geriet seine Messe am orthodoxen Heiligen Abend zur gewaltigen Protestveranstaltung.

Vor der ewigen Baustelle der Sveti-Sava-Kathedrale, die einmal die größte orthodoxe Kirche auf dem Balkan werden soll, versammelten sich vierhunderttausend Menschen. In seiner Weihnachtsbotschaft rief Pavle die Regierung auf, die Wahlsiege der Opposition anzuerkennen.

Pavle, ein politischer Patriarch?

Der oberste Geistliche Serbiens hat sich einer mittlerweile langen Reihe von Armeeoffizieren, Anwälten und Richtern, Schriftstellern und auch sozialistischen Politikern angeschlossen. Sie alle haben sich angewidert von Milosevic' Eiertanz abgewendet, von der Wahlfälschung zu retten, was zu fälschen ist. Pavle ergreift offen Partei. In der Tradition der orthodoxen Kirche aus der Zeit der türkischen Besetzung versteht sich der 82jährige als Beschützer des Volkes gegen maßlose Herrscher. Die Unterstützung der Kirche für die demokratische Opposition ist ein Beleg mehr dafür, daß der Präsident in den Institutionen des Landes dramatisch an Gefolgschaft verliert.

Ein herzliches Einvernehmen verband den Patriarchen und den sozialistischen Präsidenten allerdings nie. Kirche und säkulares Regime trennen Welten. Nur in seiner nationalistischen Sturm- und Drangphase schloß Milosevic Ende der achtziger Jahre eine taktische Allianz mit dem Klerus. Damals ließ er - um die nationale Trunkenheit im Volk zu steigern - die Gebeine des Zaren Lazar durchs Land tragen und die sterblichen Überreste serbischer Ustasa-Opfer von 1941 ausgraben. Die Kirche schwenkte dazu den Weihwedel.

Pavle hat die längste Zeit seines Lebens in Gegenden verbracht, in denen Serben in der Minderheit sind. Er stammt aus dem kroatischen Slawonien und war 34 Jahre lang Bischof von Prizren im Kosovo.