Washington

Nur unter mächtigem Druck auf die eigenen Leute wurde der Republikaner Newt Gingrich am Dienstag wieder zum Sprecher des Repräsentantenhauses gewählt. Der Mann, der mit seiner "konservativen Revolution" und dem "Vertrag mit Amerika" die ganze Politik verändern wollte, Schlagzeilen in aller Welt machte und Präsident Clintons größter Herausforderer war, ist schwer angeschlagen. Einen Zweikampf mit ihm muß Clinton nicht mehr fürchten. Im Gegenteil: Gingrichs Probleme könnten von seinen eigenen ablenken.

Der Niedergang des lärmenden Republikaners, den Time noch 1995 zum Mann des Jahres gekürt hatte, begann schon vor über zwölf Monaten:

Newt Gingrich saß unruhig im Büro seines Stabchefs. Es war kein guter Tag für den Speaker gewesen. Sein Gegenspieler, der Präsident, hatte gerade mit einem einzigen Federstrich die monatelange Arbeit der republikanischen Kongreßführung zunichte gemacht. Ein Höhepunkt der "konservativen Revolution" sollte das Gesetz sein, das Bill Clinton an diesem Tag zur Unterschrift vorgelegt worden war. Ein einfaches Haushaltsgesetz mit gewaltiger Langzeitwirkung: Binnen sieben Jahren nach seiner Verabschiedung hätte der Staatshaushalt ausgeglichen sein müssen. Als Clinton diesen politischen Sprengsatz Gingrichs entschärfte, verstand auch er sich auf weitreichende Symbolik. Für sein Veto benutzte er den Füllfederhalter, mit dem dreißig Jahre zuvor Lyndon B. Johnson das Medicare-Gesetz unterschrieben und den Rentnern erstmals so etwas wie eine umfassende Krankenversicherung hatte zuteil werden lassen. Die Botschaft des Weißen Hauses an den Kongreß war klar: Dieser Präsident wird einem sozialpolitischen Kahlschlag nicht zustimmen.

Aber noch etwas ganz Persönliches plagte Gingrich an jenem 6.

Dezember 1995. Anfang des Jahres hatte der kugelige Abgeordnete, der jeden Satz mit den Worten "Mal ganz ehrlich" einleitet, triumphal den Posten des Speaker erobert, der eine feste Domäne der Demokraten zu sein schien. Sein Symbol war damals ein übergroßer Hammer.

Der Sprecher, der weit mächtiger als ein Fraktionsführer ist, wollte den 104. Kongreß der Vereinigten Staaten mit eiserner Faust führen. Er verordnete ein mörderisches Arbeitsprogramm. Die Wähler sollten wissen, daß die Volksvertreter sich nicht nur von Lobbyisten in teure Hauptstadtrestaurants führen ließen. Und als er seine Einführungsrede hielt, setzte er alles dran, den Eindruck zu erwecken, er sei der erste, nicht nur der dritte Mann im Staate. 1995 war seine beste Zeit. Gingrich bestimmte die politische Agenda. Die Revolution marschierte. Der Präsident jammerte derweil, daß er auch noch "relevant" sei.