Jerusalem Vom Testfall "Hebron" war immer wieder die Rede, seit Benjamin Netanjahu vor einem halben Jahr Ministerpräsident wurde. An der Durchführung des im Osloer Abkommen festgelegten Teilabzugs der israelischen Armee aus der Palästinenserstadt würde man sehen können, ob es der neue Regierungschef mit seinen Versprechen ernst meine, den Friedensprozeß "mit mehr Sicherheit" weiterzuführen.

Inzwischen aber geht es bei den seit Monaten sich hinschleppenden Verhandlungen um mehr als ein - aus israelischer Sicht - verbessertes Hebron-Abkommen: Es geht um den gesamten Friedensprozeß.

PLO-Chef Jassir Arafat fürchtet, daß ihn Netanjahu nach dem Teilabzug aus Hebron im Regen stehen läßt. Der israelische Ministerpräsident hat gerade erst den Siedlungsbau zur "nationalen Priorität" erklärt und die jüdischen Anwohner in der West Bank mit Krediten, Steuervergünstigungen und Extra-Sozialleistungen belohnt. Deshalb besteht Arafat im Zusammenhang mit dem Hebron-Abkommen auf einen festen Zeitplan für die nächsten drei geplanten israelischen Truppenabzüge. Nach dem von Jitzhak Rabin und Jassir Arafat unterzeichneten Interimsabkommen soll der stufenweise Rückzug aus der West Bank bis zum 7.September 1997 abgeschlossen sein. Der PLO-Chef, so wurde in den israelischen Nachrichten vermeldet, sei beinahe vom Sessel gefallen, als sein neuer Verhandlungspartner Netanjahu vorschlug, damit bis zum Mai 1999 zu warten - dann sollen die Gespräche über den endgültigen Status der Palästinensergebiete abgeschlossen sein.

Benjamin Netanjahu, der in den eigenen Reihen auf wachsenden Widerstand stößt und sich deshalb am liebsten auf gar keine Daten festlegen will, verwies auf die "Grenzen seiner Konzessionsfähigkeit". Es geht um einen Palästinenserstaat. Arafat fürchtet, daß ihn ein aus seiner Sicht schlechtes Hebron-Abkommen von diesem Ziel noch weiter entfernt. Erstaunlicherweise erklärten in einer Umfrage 78 Prozent der befragten Israelis, sie glaubten, es werde einen palästinensischen Staat geben. In einer anderen Repräsentativbefragung gaben 57 Prozent an, daß sie mit dem Friedensprozeß weitermachen wollen 55 Prozent befürworten den Abzug aus Hebron. Die Akzeptanz ist in den vergangenen Monaten gestiegen. Offenbar hat Netanjahu weniger Probleme mit dem Volk als mit seiner eigenen Regierung.

Sie stützt sich auf politische Kräfte, die nach wie vor das Oslo-Abkommen ablehnen.

Sieben von achtzehn Ministern haben angekündigt, daß sie dem Hebron-Abkommen nicht zustimmen wollen. Andere Kabinettsmitglieder geben sich zögerlich. Mit Freunden wie diesen in der Regierung, formulierte Yoel Markus in der israelischen Tageszeitung Haaretz, brauche Netanjahu keine Feinde. Immerhin hat die orientalisch-orthodoxe Shas-Partei, die zwei Minister stellt, inzwischen ihre Meinung wieder geändert und beschlossen, sich nun doch hinter Netanjahu zu stellen.

Dennoch könnte es dem Regierungschef im entscheidenden Moment an Unterstützung aus dem Kabinett fehlen. Die Siedlerbewegung will erneut mit Demonstrationen auf ihr - trotz aller versprochenen Subventionen - ungewisses Schicksal aufmerksam machen. Sie weiß allerdings, daß es rechts von Netanjahu keine realistische Alternative gibt. Darin liegt sein Vorteil: Anders als sein von den Rechten verpönter Vorgänger Shimon Peres könnte Netanjahu es schaffen, den Abschied von der Ideologie eines Großisrael auch für einen Teil eben dieses Lagers nachvollziehbar zu machen. Die Frage bleibt, ob er das auch wirklich will.