Die Südkoreaner sind Streiks gewohnt. Doch derzeit erreicht die Empörung ein neues Ausmaß. Der Ausstand gegen das neue Arbeitsrecht, das die Regierung Ende Dezember in wenigen Minuten durch das Parlament paukte, wird zu einem sozialen Aufstand.

Nach dem neuen Gesetz können die Unternehmen ihre bis dato quasi unkündbaren Mitarbeiter leicht auf die Straße setzen und während Arbeitskämpfen Streikbrecher engagieren. Bis zu 56 Stunden in der Woche dürfen sie die Beschäftigten nun flexibler einsetzen als bisher und so die Arbeitskosten senken. Gleichzeitig wird der unabhängige Gewerkschaftsverband des Landes nicht wie geplant sofort, sondern erst in drei Jahren zugelassen. Auch für die regierungsnahen Arbeitnehmervertreter ist dies alles Grund genug, sich an dem Generalstreik zu beteiligen.

Längst war klar: Südkorea, jüngstes Mitglied der Industriestaatengruppe OECD, müßte seine aus Diktaturzeiten stammenden Arbeitsregeln liberalisieren. "Aber das ist die schlechteste aller vorstellbaren Reformen", klagt der Vizechef des gewerkschaftlichen Rates der OECD, Andreas Botsch: "Sie ist mehr als peinlich für das Generalsekretariat."

Denn eigentlich hatte das neue Mitgliedsland seinen Arbeitnehmern Koalitionsfreiheit und Tarifautonomie gewähren sollen.

Hinter dem Konfliktkurs der Machthaber in Seoul steckt eine Krise: Die Wirtschaft wächst seit 1996 mit kaum mehr als sechs Prozent im Jahr - eine Schwelle, unter der die wachstumsverwöhnten Ostasiaten mit einer Pleitewelle bei ihren Mittelständlern rechnen. Die Löhne rennen der Produktivität davon, so daß Manager ihren Landsleuten vorrechnen, selbst in Großbritannien billiger wegzukommen als mit einem Industriestundenlohn von bis zu zwanzig Mark zu Hause.

Ähnlichkeiten mit der deutschen Diskussion sind alles andere als zufällig. Im Eilschritt tragen die Chaebol genannten mächtigen Industriekonglomerate ihre Investitionen ins Ausland. Ob Daewoo zu einem der größten ausländischen Arbeitgeber in Vietnam aufsteigt, Hyundai Stahlverarbeitung für den Schiffbau nach Nordchina verlagert oder die LG-Gruppe ein Halbleiterwerk in Wales aufbaut: Bis zum Jahr 2005 wollen Südkoreas fünf größte Konzerne fast hundert Milliarden Mark fern der eigenen Halbinsel ausgeben - das meiste in asiatischen Billiglohnländern.

Auch die anderen Tigerstaaten sind - für ihre Verhältnisse - eingebrochen.