Die besondere Tragik von Michail Bulgakovs Leben liegt darin, daß sein Werk den Leser erst mit Jahrzehnten Verspätung erreicht.

Bulgakov teilt diese Tragik mit Hunderten anderer russischer Dichter und Schriftsteller, Maler, Komponisten, Regisseure und Filmemacher, die in der Sowjetunion zu arbeiten begannen - eine Tragik, die keine noch so umfassende späte Wiedergutmachung aufheben kann.

Um so bemerkenswerter, daß es heute so viel Bulgakov auf deutsch gibt wie nie. Mit den Bänden 12 und 13 - sie enthalten, in je zwei Halbbänden, Bulgakovs Drehbuchentwürfe und Libretti, Briefe, Dokumente und Materialien - liegt die Bulgakov-Ausgabe des Verlags Volk und Welt nun abgeschlossen vor. Die Ausgabe bringt sämtliche Romane ("Die weiße Garde" erstmals vollständig, "Der Meister und Margarita" ungekürzt, dazu einen Band mit frühen Fassungen), weiter die frühen Reportagen, Feuilletons, Erzählungen und Novellen (am bekanntesten und besten "Die verhängnisvollen Eier" und "Das Hundeherz"), sämtliche Theaterstücke, denen Bulgakov seine Bekanntheit beim sowjetischen Publikum vor allem verdankte ("Die Tage der Turbins", "Die Purpurinsel" sowie die NEP-Satire "Zojas Wohnung", die in der So wjetunion verboten war) - bis hin zu der dramatisierten Schulfunkfolge "Batum", Bulgakovs Konzession an Stalin, sein Stück über die revolutionäre Jugend des Führers aller Werktätigen.

An vergleichbar aufwendigen Unternehmen, einen russischen Autor auf deutsch vorzustellen, ist derzeit nur Dieter E. Zimmers Nabokow-Ausgabe bei Rowohlt zu nennen. Im Falle Bulgakovs ist es die (von Jan Philipp Reemtsma unterstützte) Energieleistung von Volk und Welt, vor allem die des deutschen Übersetzers Thomas Reschke, der diese Ausgabe - mit Ausnahme weniger Texte - faktisch im Alleingang bestritten hat.

Dabei konnte der Verlag, den mit Bulgakov eine nun dreißigjährige Geschichte verbindet, auf Ergebnisse früherer Arbeit zurückgreifen: Der Beginn seines Engagements für diesen Autor datiert auf die sowjetische Erstveröffentlichung des Romans "Der Meister und Margarita" durch die Zeitschrift Moskva 1966/67, ein Vierteljahrhundert nach dem Tode des Autors. 1968 erschien "Der Meister und Margarita" auch in der Bundesrepublik. Allerdings geschah dieser Literaturtransfer unter Kontrolle der sowjetischen Zensur, zumindest unter der diskreten Aufsicht der Kulturattachés der Sowjetbotschaften. Wie sich erst Jahre später herausstellte, war Bulgakovs Roman in der sowjetischen Erstpublikation um fünfzig allzu brisante Seiten gekürzt worden - in dieser verstümmelten Gestalt erschien er auch im Westen.

Und damit ist man mitten im Problem - einem, das über Bulgakov weit hinausweist und praktisch jeden russischen Autor betrifft, der zwischen 1918 und 1988 in der Sowjetunion publiziert wurde.

Das Problem ist der Text. Und die Frage ist: Wie hat der vom Autor verfaßte Text eigentlich ausgesehen, und welche Veränderungen gehen auf das Konto sowjetischer Redaktionen und Lektorate? Isaak Babels "Reiterarmee", die unter den Augen ihres Autors, möglicherweise (wir wissen es nicht) auch mit stillschweigender Einwilligung, von Neuauflage zu Neuauflage - bis über Babels Erschießungstod 1940 im Kerker der Geheimpolizei NKWD hinaus - verändert und verstümmelt wurde, ist nur ein Beispiel von vielen. Bulgakovs Werke und die Geschichte ihrer Veränderungen wären ein ebensolches.