Der Schreck des Mai 68 sitzt Frankreichs Politikern bis heute in den Gliedern. Bildungspolitik, immer schon eine nationale Frage, gilt seither als besonders heißes Eisen. Auch in jüngerer Zeit strömten dort die Schüler und Studenten oft auf die Straße.

Präsident Jacques Chirac suchte die Gemüter zu beruhigen und kündigte eine Volksabstimmung zum Thema an, ohne sein Versprechen bislang einzulösen. Seine Regierung beauftragte eine unabhängige Kommission um Roger Fauroux, einen ehemaligen Industriellen (siehe nebenstehenden Kasten), für die Schule der Zukunft eine Reihe von Analysen und Reformen zu erarbeiten. Der "Rapport Fauroux", vorgelegt im vergangenen Jahr, bestimmt seither eine hitzige Debatte.

Für seine Autoren, politisch wie gewerkschaftlich unabhängig, ist das Scheitern in der Schule ein Scheitern der Schule. Die Schuld daran kreiden sie großenteils der hochzentralisierten Schulverwaltung, der staatlichen Education nationale, aber auch den Lehrergewerkschaften an. Dezentralisierung und eine Stärkung der Schuldirektoren gehören denn auch zu den Kernideen von Fauroux - der Ruf nach Schulautonomie wird auch bei unserem Nachbarn lauter. Fauroux plädiert zudem für eine radikale Verschlankung der nationalen Lernprogramme und eine Stärkung des Grundwissens, also Lesen, Rechnen, Schreiben, daneben auch der Körperbeherrschung oder politischen Kompetenz.

Für das Collège, als wichtigster weiterführender Schultyp der deutschen Sekundarstufe I vergleichbar, empfiehlt er, daß jeder Lehrer künftig zwei Fächer unterrichten soll (bisher ist ein Fach vorgeschrieben). Gewünscht ist eher eine intensive Orientierung der Schüler statt einer verschärften Auswahl, doch schreckt der Bericht auch vor diesem Tabuwort nicht zurück. Durchlässiger und zugleich anspruchsvoller sollen die verschiedenen Zweige des Systems sein. Stärken wollen die Reformer auch die Lehre, in Frankreich auf dem Königsweg von der Grundschule zum Universitätsdiplom stark vernachlässigt so schreibt etwa das Bildungsgesetz von 1989 fest, daß im Jahr 2000 achtzig Prozent eines Jahrgangs auf Abiturniveau zu bringen seien. Ein Effekt solcher Einseitigkeit ist die hohe Zahl arbeitsloser Jugendlicher, die Ausgangspunkt dieser Reformdebatte wurde.